Sonntagsgedanken
- sind Impulse und Gedanken zum Sonntag - entweder geprägt durch das Kirchenjahr oder thematisch losgelöst.
- werden in der lokalen Presse veröffentlicht.
- sind von katholischen und evangelischen pastoralen Mitarbeiter:innen, Pfarrer:innen des evangelischen Kirchenbezirks und des katholischen Dekanats verfasst.
Viel Freude beim Lesen und persönliche Inspiration!
15.02.26 "Verrückte Zeiten"
Jetzt sind sie wieder da: die Tage, an denen die Hüte schief sitzen, die Krawatten kürzer werden, die Narren in den Rathäusern das Sagen übernehmen und sich das Leben vor allem draußen auf der Straße abspielt … Fasching ist die offiziell genehmigte Verrücktheit des Jahres. Durch Masken und Verkleidung werden kurzfristig die Rollen getauscht, Regeln außer Kraft gesetzt, die Welt ein wenig auf den Kopf gestellt. Was sonst Stirnrunzeln hervorruft, ist jetzt erlaubt – ja erwünscht, bis die Grenzen des anderen erreicht sind.
Fasnet als verrückte Zeit, das klingt nach Konfetti und Krapfen, lauter Musik und ausgelassenem Feiern.
Ich persönlich erinnere mich an eine Situation vor vielen Jahren, als ein Clown durch den Raum sprang und versuchte klar zu machen, dass wir nicht nur in einer verrückten närrischen Jahreszeit unterwegs sind, sondern doch die Zeit verrückt ist. Wie es die Aufgabe des Clowns ist, die Alltäglichkeiten mit etwas Humor und Spaß zu beleuchten, wurde auf eine weitere Bedeutung des Wortes „verrückt“ hingewiesen. Verrückt ist auch, was nicht mehr dort steht, wo es einmal war.
Ein Erkenntnis, die sich bis heute in mir festgesetzt hat, denn – wenn wir ehrlich sich - vieles scheint derzeit verrückt geworden zu sein. Gewissheiten haben ihren Platz verloren, der Ton ist rauer geworden, das Tempo ist erhöht. Was gestern noch selbstverständlich war, wirkt heute fragil. Werte, die Halt gaben, stehen heute plötzlich schief oder werden beiseitegeschoben. Manchmal fühlt es sich an, als hätte jemand die Möbel der gemeinsamen Weltwohnung über Nacht umgestellt. Wo früher die Friedensmission an erster Stelle stand, geht es heute wieder um Aufrüstung. Was früher als Land aller Möglichkeiten oder Freiheit galt, wird heute durch Macht, Gewalt und geschlossene Grenzen als beendet erklärt. Wo früher noch der Weg zueinander und das Kompromiss finden, ein Weg zum Ziel war, stehen sich heute die unüberwindbaren Fronten gegenüber. Wahrscheinlich können Sie Ihre eigenen Erfahrungen hinzufügen. Es geht mir jetzt nicht um „früher war alles besser!“, das glaube ich nämlich nicht, sondern um die Erfahrungen, dass das Orientierungs- und Sicherheitgebende plötzlich nicht mehr zu gelten scheint.
Einst war das Verrückt sein zeitlich begrenzt. Man wusste: Mit Aschermittwoch kehrt wieder Ordnung ein. Heute scheint das Verrückte zum Dauerzustand geworden zu sein. Die Masken bleiben auf und Orientierung wird zur Herausforderung.
Zugleich kann gerade die Fasnetszeit uns auch wieder daran erinnern, dass nicht alles festgezurrt sein muss, um Bestand zu haben, dass Lachen verbindet, dass Perspektivwechsel und Lockerung von Verstricktem guttun. Vielleicht brauchen wir diese bunten Tage nicht nur, um der Wirklichkeit zu entfliehen, sondern auch um ihr mit mehr Gelassenheit zu begegnen und Dinge sich neu ordnen zu lassen.
Als Jugendliche fand ich es komisch und lächerlich, wie dieser Clown hin und her sprang. Doch geblieben ist mir dieses Bild bis heute. Verrückte Zeiten.
Katharina Schweizer,
Gemeindereferentin
08.02.26 "Vom Hören"
Im Kirchenjahr befinden wir uns die nächsten Sonntage in einer Zwischenzeit: der Weihnachtsfestkreis ist mit Lichtmess beendet und die Passions- und Fastenzeit hat noch nicht begonnen.
Gerade sind wir so „zwischendrin“, der Blick geht aber schon gezielt Richtung Ostern. Das merkt man auch am kirchlichen Namen des heutigen Sonntags: er heißt Sexagesimä. Das bedeutet einfach „der Sechzigste“. Er markiert damit, dass es noch 60 Tage bis Ostern sind.
Obwohl er vom Namen her ein bisschen wie ein Platzhalter wirkt, bringt er uns, wie so viele Sonntage eine eigene Aufgabe mit: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“
Wir werden erinnert: wir sollen hören – nicht auf irgendetwas, sondern auf Gottes Wort.
Klar, als Christ*innen ist uns das Hören und Bewahren des Wort Gottes nahegelegt. Wir tun das ja auch, Sonntag für Sonntag in Gottesdiensten in den Lesungen, Psalmen und Predigten, bei der eigenen Bibel- oder Losungslektüre…
Und trotzdem fühlt sich dieser Auftrag enorm groß an.
Auf Gottes Wort hören?
Hören, gut hinhören hat etwas mit Aufmerksamkeit zu tun. Wohin richte ich meine Aufmerksamkeit? Wem schenke ich sie?
Es fällt oft schon schwer genug den Menschen um sich herum zuzuhören, mit ganzer ungeteilter Aufmerksamkeit da zu sein: Höre ich meiner Freundin beim Telefonieren aufmerksam zu oder räume ich nebenher auf und bin nur mit einem Ohr dabei, um an der richtigen Stelle „ja“ oder „mhh“ zu sagen? Schenke ich meinem Kind meine ungeteilte Aufmerksamkeit beim Buch anschauen oder bin ich mit dem Kopf schon wieder bei der Arbeit? Höre ich mir selbst eigentlich zu? Nehme ich mich und meine Bedürfnisse ernst oder schiebe ich sie immer weiter vor mir her?
Vielleicht beginnt das Hören auf Gottes Wort genau hier - mitten im Alltag. Dort, wo ich lerne, wirklich zuzuhören: dem Menschen gegenüber, mir selbst, den leisen Tönen, die man leicht verpasst. Vielleicht übt man so auch auf Gottes Wort zu hören. Das drängt sich in aller Regel nicht auf. Es lädt zum Suchen ein, zeigt sich manchmal nur als stille Einladung.
„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ – das soll weniger ein überfordernder Appell sein als eine Ermutigung. Du musst nicht alles auf einmal verstehen oder richtig machen. Es reicht, offen zu sein. Still zu werden. Aufmerksamkeit zu üben. Vielleicht nur für einen Moment am Tag.
In dieser Zwischenzeit im Kirchenjahr, werden wir ermutigt das Hören einzuüben. Und vielleicht entdecken wir dann, dass Gottes Wort uns entgegenkommt: nicht rein als Text in einem heiligen Buch, sondern als Hinweis auf Gottes Liebe zu uns: im Gespräch, im Schweigen, in einem Gedanken, der bleibt.
Christina Schleicher,
Ev. Pfarrerin, Göppingen
01.02.26 "Mariä Lichtmess"
Am Montag feiert die katholische Kirche, 40 Tage nach Weihnachten, das Fest der „Darstellung des Herrn“. Die Eltern Jesu bringen den kleinen Jesus in den Tempel, wo er zwei alten Menschen, Simeon und Hanna, begegnet. Uns ist das Fest noch geläufiger unter dem Namen „Mariä Lichtmess“. Die Ostkirche nennt diesen Tag „Fest der Begegnung“. „Lichtmess – bei Tag ess“, so heißt eine alte Bauernregel und wir merken es ja, die Tage werden wieder länger. Seit Beginn des 5. Jahrhunderts feiern die Christen diesen Tag in Jerusalem. Mit brennenden Kerzen bilden sie eine Lichterprozession und ziehen mit Musik und Gesang in ihr Gotteshaus. Dort hören sie die Geschichte von der Darstellung Jesu im Tempel. Ein Ereignis, das sich täglich im Tempelbezirk wiederholte und nichts Aufsehenerregendes an sich hatte.
Nur die beiden Alten, Hanna und Simeon, die durch ihr langes Leben erfahren haben, was wirklich trägt, haben sich einen Blick bewahrt für die Sensation des Unscheinbaren. Sie hatten noch einen Blick für die Zukunft. So stelle ich mir die beiden vor: Erfahrungssatt, gebeutelt von Schicksalsschlägen, aber nicht resigniert. Das Leben hat ihnen oft mitgespielt. Von Simeon heißt es, dass er fromm und gerecht war und auf die Rettung Israels wartete. Trotz seines Frommseins, trotz seiner Gerechtigkeitsliebe, die ihn immer wieder Rückschläge erleben ließ, hat er sich den Traum einer besseren Welt, für die er kämpfte, noch nicht abgeschminkt: Trotz vieler Enttäuschungen hatte er nicht aufgehört zu hoffen. Zwei Menschen also, die noch nicht mit dem Leben abgeschlossen haben, sondern die offen sind für die sie verwandelnde Begegnung.
Zwei Aspekte möchte ich für dieses Fest herausgreifen. Das Fest wird mit dem Symbol des Lichtes gefeiert. Wenn wir vom Licht reden kann man damit unterschiedliches meinen: Für den Physiker ist es eine im leeren Raum mit Lichtgeschwindigkeit sich geradlinig ausbreitende Strahlung, der Biologe sieht in ihm die Zufuhr von Strahlungsenergie, die für Lebewesen notwendig ist. Und was sagen wir über das Licht? Wir reden nicht viel vom Licht. Es ist für uns eigentlich so selbstverständlich, dass die Sonne scheint, dass wir das Licht am Lichtschalter anmachen wann immer wir es brauchen. Ans Licht denken wir erst dann, wenn der Strom ausfällt, so wie vor kurzem in Berlin, wo es dann einfach dunkel geblieben ist und viele Menschen hilflos waren. Ohne Licht gibt es keine Natur und ohne Licht können wir nicht leben. Jesus kam als Licht in die Welt und was das heißt, hat er uns selbst vorgelebt. Menschen bekamen das zu spüren, vor allem die Armen, die Kranken, die Verachteten und Ausgestoßenen. Jesus hat ja gesagt, dass auch wir Licht in die Welt tragen sollen. Wir sollen Licht sein, da wo wir leben und arbeiten und unsere Freizeit verbringen, überall dort, wo Menschen auf Verständnis warten, wo sie sich nach Angenommen-Sein, nach Wärme und Liebe sehnen. Aber – und das ist das Wichtigste: Ich muss etwas von mir abgeben, so wie auch eine Kerze Licht abgibt um die Dunkelheit zu erhellen.
Diese Erfahrung machen gerade viele Menschen die die Vesperkirche besuchen. Sehr viele Menschen geben hier etwas von sich, indem sie mithelfen und so für andere zum Licht werden. Für die Organisation und das große Engagement dürfen wir dankbar sein. Hier wird der zweite Aspekt deutlich, wie Begegnungen immer wieder neu auch das Leben verändern können. Hier kommen Menschen miteinander ins Gespräch, teilen sich anderen mit und geben einander Hoffnung, blicken miteinander nach vorne. Begegnungsfähigkeit, Fähigkeit zum Aufbruch, daran lassen sich Spuren von Gottes Gegenwart entdecken. Wer dazu bereit ist, macht Lichterfahrungen, so wie Hanna und Simeon, die ein Leben lang warteten und vertrauten und in der Begegnung mit dem kleinen Jesus gespürt haben, dass ihre Sehnsucht erfüllt wird.
Dass wir immer wieder gute Begegnungen haben und Lichterfahrungen machen können und sie nicht für uns behalten, sondern sie auch an andere weitergeben, wünsche ich uns.
Winfried Hierlemann
Pfr. i.R. Süßen
25.01.26 "40 Tage"
Liebe Leserinnen und Leser,
steht Ihr Christbaum noch? - Für viele, die eigentlich den ganzen Advent schon - ja, was eigentlich? -gefeiert und gefestet haben, für viele ist Weihnachten nach Heiligabend dann schnell vorbei. Die Weisheit des Kirchenjahres will das anders. Sie setzt vor die großen Feste Ostern und Weihnachten zunächst einmal eine 40-tägige Vorbereitungszeit. Im Advent waren das über viele Jahrhunderte entsprechend zur Passionszeit sieben Wochen. Von Martini am 11.11. an sieben Wochen Advent! Zieht man den Samstag und Sonntag ab, sind das 40 Tage. 40 Fastentage! Mit Fasten und Gottesdienst in der Seele vorbereitet konnte dann das Weihnachtfest kommen.
Nach Weihnachten kam und kommt die Integrationszeit: bis an Mariä Lichtmess am 2. Februar der Weihnachtsfestkreis endet, sind es 40 Tage. Sie sind von den Themen und dem Licht des Weihnachtsfestes erfüllt. Weihnachten geht ganz schön lang, nicht wahr? Eine gute Zeit, die ausleuchtet, wer denn nun dieses Christkind im Stall zu Bethlehem ist und was es bedeutet, dass Gott in Jesus Christus für uns einen neuen Anfang setzt.
Vorbereitungszeit. Festzeit und Integrationszeit.
Diese drei Schritte sind der Weg, den das Kirchenjahr uns weist.
Und meist waren es ungefähr 40 Tage für die Vorbereitung und 40 Tage für den Nachklang. Sowohl der Advent als auch die Weihnachtszeit wurden nach der Reformation gegenüber dem idealen 40-Tage-Zeitraum eingekürzt. Da fing es schon an, dass alles immer schneller gehen sollte.
Doch die alte Weisheit leuchtet mir ein: Ostern und Weihnachten - die großen Heilsereignisse unsers Glaubens - wollen nicht nur vorbereitet und gefeiert werden, sondern auch nachklingen: das Licht von Weihnachten soll in unserer Seele Wurzeln schlagen. Das Christuslicht soll unsern Alltag erleuchten und prägen, so dass es durch uns hindurchleuchtet, in unseren Liedern aufklingen und mehr und mehr zum Segen wird.
Warum nur muss bei uns auch im Spirituellen alles immer schneller werden. Wo ist unsere Zeit geblieben? Wo unser langer Zeit-Atem, unsere Weisheit inneren Wachsens?
In manchen evangelischen Häusern steht der Christbaum bis zum 2.2..
In manchen Gottesdiensten erklingen bis dahin auch die Weihnachtslieder.
Da bin ich sicher: unserer Seele tut es gut, wenn wir ihr Zeit, Weihnachtszeit lassen.
Frieder Dehlinger,
Ev. Pfarrer für Kirchenmusik und Gesangbucharbeit
18.01.26 "Alltägliche Tage mit Wert“
Morgen ist der 18. Januar. Für viele ein ganz alltäglicher Tag. Für mich allerdings ein Tag mit Geschichte und Bedeutung, vor allem dieses Jahr, da sich das damalige Ereignis zum 20. Mal jährt.
Unser Jahr hat 365 Tage, unterteilt im 7-Tage-Rhythmus in Wochen, mit klassischen Werktagen und Sonntagen, mit staatlichen Feiertagen und vielen Tagen, die durch unseren christlichen Jahreskreis geprägt, als besondere Festzeiten benannt sind und unseren Ferienkalender prägen. Und dann gibt’s noch unsere persönlichen Feier- und Festtage: der Geburtstag, der Hochzeitstag, die Geburt des Kindes, weitere Geburtstage in der Familie und und und…
Seit einigen Jahren entwickeln sich in meinem Kalender und Jahreslauf auch einige andere Tage, die für mich ganz persönlich eine Bedeutung haben – für viele andere vielleicht nicht, aber für mich schon. Das sind einerseits traurige Anlässe wie die Todestage von Familienangehörigen und Freunden, aber viel bedeutsamer werden für mich immer mehr die Tage, die mit mir ganz persönlich etwas zu tun haben:
Das ist der Tag, an dem ich den Mut hatte und mich entschieden habe, jemanden anzusprechen und für das einzustehen, was mir persönlich wichtig ist.
Das ist der Tag, an dem ich erfahren habe, dass ich schwanger bin.
Das ist der Tag, an dem ich meine erste eigene Wohnung bezogen habe oder mein erstes Auto gekauft habe.
Das ist der Tag, an dem eine gute Freundin mir etwas auf den Kopf zusagt und wie ein Blitz eine Entscheidung klar ist und ich weiß, dass ich mich beruflich verändern muss.
So wie es für mich „alltägliche Tage mit Wert“ gibt, so gibt es auch Orte, an denen sich Bleibendes und/oder Entscheidendes zugetragen und ereignet hat. Davon können wir auch in einigen biblischen Geschichten lesen. Zum Beispiel als Jakob nach seinem Traum aufwachte und sagte: „Wirklich, der HERR ist an diesem Ort und ich wusste es nicht“ (Gen 28,16) und anstelle einfach weiterzugehen, nahm er den Stein, auf dem sein Kopf lag, salbte ihn mit Öl und gab ihm den Namen „Bet-El“ Haus-Gottes. Oder als Jakob einen anderen Ort „Penuel“ nennt, weil er dort Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen hat (Gen 32,31). Selbe Erfahrung ist mir auch bei den unzähligen Kirchen und Kapellen bei einer Reise im Heiligen Land begegnet. Wo Jesus einmal war, dort wurde eine Kirche / Kapelle errichtet, um festzuhalten: „Weißt Du? Hier war einmal…!“ Nicht als alte Geschichte, sondern als Ort der Erinnerung, des Gebets und des Geschehens: Hier an diesem Ort hat sich Gottesbegegnung ereignet.
Menschen brauchen Orte und Zeiten der Erinnerung und der Erfahrung „Hier hat sich etwas ereignet!“ Ich will versuchen, diese Erfahrung auch für mich und meine besonderen alltäglichen Tage zu übertragen! Und mag es sich im ersten Moment auch komisch anfühlen, möchte ich Sie ermutigen solchen Situationen im kommenden Jahr zusagen: „Hier hat sich etwas Besonderes ereignet und Gott war zugegen und spürbar.“ Was verändert sich für Sie?
Katharina Schweizer,
Gemeindereferentin
11.01.26 "Alle im selben Boot"
Wie sind wir in das neue Jahr gestartet? Sitzen wir alle im selben Boot? Spitzfindige sagen nein, sie weisen daraufhin, dass einige auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs sind, während welche als Geflüchtete in unsicheren Schlauchbooten sitzen, wohingegen wiederum andere aus Furcht jede Fahrt über Wasser meiden, während wiederum noch andere gar nicht genug Wasser unterm Kiel haben um überhaupt über Boot fahren nachzudenken.
Und gleichzeitig, natürlich sitzen wir, auch mit diesen, eben doch alle „im selben Boot“. Wir lesen hier dieselbe Tageszeitung. Wir leben im selben Welt-Klima und erleben dieselben Herausforderungen unserer Zeit. Und wir haben alle einige Mühe uns immer wieder anzupassen an Wetterveränderungen, Updates, Viren, Hackerangriffe, Phishing-Versuche, Krankheiten und Katastrophen, die es gerade gibt.
Zusammenhalten wäre chancenreicher, als mit dem Finger auf die aus unserer Sicht Verantwortlichen zu weisen. Wir wissen ja auch, drei Finger verweisen dann immer auf uns selbst zurück.
Zusammenhalten hieße, wir suchen gemeinsam eine Lösung. Also nicht nur so, wie ich persönlich mir es denke. Vielleicht haben andere gerade eine weiterführendere Idee? Und wiederum, wenn ich meinen Blick auf die Angelegenheit zurückhalte, dann fehlt da ein Puzzleteil, damit sich das komplette Bild ergeben kann.
Es gibt in der Erinnerung viele Geschichten, wie es schon schwierig wurde miteinander im selben Boot. Doch es gibt auch die Geschichten, wie es schon gut gelungen ist miteinander im selben Boot wieder aus dem Sturm heraus in ruhiges Fahrwasser zu kommen.
In der Bibel stehen gute Geschichten mit Jesus im Boot. Gemeinsam ist diesen Geschichten, dass es wirklich gute Geschichten sind, mit gutem Fortgang. Sie stärken die Aussicht, dass sich die Notsituation bald zum Besseren klärt. Freilich funktioniert keine einzige dieser Geschichte einfach automatisch. Im Boot müssen sie auf Jesus aufmerksam sein. Das braucht immer wieder einen gewissen Anlauf, doch dann gelingt es. Und wenn Jesus dann aus dem Boot heraus erkannt ist, oder wenn Jesus mit an Bord angesprochen ist, dann ist die Notsituation bald entschärft und bald befriedet. So dass es mit ruhigerem Herzen weitergehen kann.
Alle im selben Boot brauchen das. Wenn Panik ausbricht, ist der Untergang näher.
Wer immer kann, möge also heute in unserer Zeit auch nach Jesus Ausschau halten, für die anderen im Boot gleich mit. Wer immer sein Herz mit Jesus wieder beruhigt, welcher Art der Sturm auch gerade ist, der oder die tut allen gut. Wahrscheinlich wird es dann schnell gleich mehreren wieder leichter. Und etliche werden in die Lage kommen, die Unruhe der anderen in Ruhe auszuhalten. Und es bricht keine Panik aus. Die Herausforderungen unserer Zeit sind bekannt, wir lesen sie in der Tageszeitung jeden Tag neu. Außer sonntags. Sonntags, da besinnen sich einige von uns besonders deutlich auf Jesus und suchen so nach Entschärfung der Not und Frieden, für alle im selben Boot.
Ev. Pfarrerin Maren Pahl,
Gesamtkirchengemeinde Stubersheimer Alb
31.12.25 "Es ist, wie es ist“
“Es ist, wie es ist”
so hört man es bei uns öfters. Es hört sich so an, als wäre es einfach, die Realität und das, was einem zustößt, anzunehmen. Doch eigentlich spüre ich dabei oft die innere Empörung darüber, dass einem viel zugemutet wird und Menschen das Gefühl haben daran nichts ändern zu können.
Von einer Reise habe ich einen Segenswunsch der Beduinen vom Sinai mitgebracht und möchte diesen der Feststellung „Es ist, wie es ist“ an die Seite stellen:
Möge dein Herz weiß sein und mögest du in deinem Herzen wohnen.
Mögest du das Leben nehmen, wie es kommt, dass du in Frieden in deinem Herzen wohnst.
Da ist zuerst der Wunsch, dass das Herz weiß sei. Das bedeutet, dass das Herz blank sein soll: unbelastet von Schuld und schlechtem Gewissen, aber auch von bösen Erinnerungen, die einen quälen. Dann kann der Mensch in seinem Herzen wohnen. Kann zu sich selbst kommen und bei sich selbst zuhause sein. Es ist wohltuend, wenn ein Mensch bei sich zu Hause ist und im Einklang mit seinem Denken, Sprechen und Tun. Dann geht auch ein wärmendes Gefühl für die anderen von ihm aus, das Gefühl von Beheimatung findet Raum.
Diese Beheimatung in sich zu finden ist nicht einfach. Oftmals wird das Gefühl bei sich zu sein, erschüttert, man hat dann das Gefühl, neben sich zu stehen oder völlig außer sich zu sein, sich selbst fremd geworden. Vielleicht auch deshalb, weil die weltweiten Erschütterungen unsere Überzeugungen und unseren Glauben in Frage stellen. Die Krise hat auch viele von uns in diesem Jahr erfasst: getroffen durch eine Trennung oder gar den Tod eines Menschen, mit dem man innig verbunden gewesen ist. Vielleicht aber auch durch den Verlust des Arbeitsplatzes oder der Drohung bisherige Sicherheiten zu verlieren.
Da gerät man schnell außer sich, verliert die Fassung, verliert das Gefühl beheimatet zu sein und fühlt sich fremd. In tiefer Trauer kann es sich anfühlen, als ob man einen Tag nach dem anderen überleben müsste, nichts ist mehr selbstverständlich.
Der Segenswunsch beinhaltet den Wunsch, dass man dies annimmt und trotz allem immer wieder zum Frieden des Herzens zurückfindet.
Wir sind gewohnt, unser Leben zu planen und zielstrebig zu gestalten. Zum Glück führt dies oft zum Erfolg und wir dürfen ihn genießen. Aber diese Erfahrung ist nicht selbstverständlich, unser Leben ist nicht berechenbar, sondern bleibt offen für unerwartetes Glück wie Unglück und wird immer wieder von Brüchen durchzogen. Trotzdem in seinem Herzen beheimatet zu bleiben und Frieden in einem umfassenden Sinn zu finden, meint, beschützt zu sein, Heil und Heilung zu erfahren und eben darin zu wachsen.
„Es ist, wie es ist“ – es ist kein Einverständnis, aber ein Innehalten und Prüfen, was man wollte und was möglich ist, die Fähigkeit anzunehmen, was nicht gelang und nicht gering zu schätzen, was gelang. Zu Hause sein, bei sich, aber mit offenen Türen. Hinausgehen ist ein Teil davon. Heimkehren auch. „Denn es ist gut, dass Euer Herz durch Gnade gefestigt wird“ heißt es in einem Bibelwort (Hebräer 13,9) Das ist mein Wunsch für uns alle zum Übergang in ein neues Jahr!
Dorothee Schieber
Ev. Pfarrerin
28.12.25 "Mein sind die Jahre nicht"
Andreas Gryphius schrieb einmal folgendes Gedicht: „Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen; mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen: der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht, so ist der mein, der Jahre und Ewigkeit gemacht.“
Unwillkürlich ziehen wir am Jahresende Bilanz: Wie war das vergangene Jahr? Was wird das kommende Jahr bringen? Wir denken an die Krisenherde der Welt. Wieviel Menschen starben durch Kriege, durch Mord und Hungertod? Es gibt viele Menschen, die sich, oft im Verborgenen, für andere Menschen einsetzten, die für Versöhnung und Frieden und gegen den Hunger ankämpfen. So kann jede und jeder zum Gelingen einer friedlicheren Welt beitragen. Als einmal ein Weiser übers Land reiste, sah er einen sehr alten Mann, der eben einen Johannisbrotbaum pflanzte.
Der Weise fragte ihn: „Wann wird das kleine Bäumchen wohl Früchte tragen?“ Der Mann erwiderte: „In 70 Jahren.“ „Du Tor“, sprach der Weise, „glaubst du denn, dass du noch in 70 Jahren leben und die Früchte deiner Arbeit genießen wirst?“ Freudig vollendete der Greis seine Arbeit und antwortete: „Als ich zur Welt kam, da fand ich Johannisbrotbäume und aß von den Früchten ohne dass ich sie gepflanzt habe; so will auch ich einen Baum pflanzen, dass andere davon genießen. Wir Menschen können nur bestehen, wenn einer dem anderen die Hand reicht.“
Genau das ist unsere Situation auch heute. Wir haben nur dieses eine Leben, das einmalig ist, unwiederbringlich und darum hat auch jede unserer Entscheidungen ein sehr großes Gewicht. Vielleicht blickt mancher ängstlich in die Zukunft, wie das nächste Jahr aussehen wird. Was passiert alles, was erleben wir? Wir können nicht nur von der Vergangenheit leben oder nur von der Zukunft träumen. Denn dann vergessen wir den wichtigsten Augenblick in unserem Leben: das Heute. Leo Tolstoi schreibt: „Merke dir, die wichtigste Zeit ist nur eine – der Augenblick.“
Nur über ihn haben wir Gewalt. Der unentbehrlichste Mensch ist der, mit dem uns der Augenblick zusammenführt. Vielleicht erinnern wir uns daran, wenn wir zu Silvester die Sektkorken knallen lassen und den Himmel mit Leuchtraketen erhellen. Erleuchten sie wirklich die Finsternis? In der Mitte der Nacht bricht der neue Tag an. Neue Tage, die hell werden durch unsere menschliche Nächstenliebe, die ohne Angst in die Zukunft schauen kann, weil sie das Heute – den jetzigen Augenblick bejaht. Das wünsche ich uns allen für das Neue Jahr 2026.
Winfried Hierlemann
Pfarrer. i.R. Süßen
24.12.25 "Kostbare Minuten"
Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck, Jahrgang 1940, aufgewachsen inmitten der Trümmerlandschaft einer zerbombten Stadt, erinnert sich:
„Aber die Zeit und verschiedene Menschen führten uns Kinder näher an Glaube und Kirche heran. Selbstverständlich ging ich als Junge zu Herrn Jarmatz in die leerstehende Garage in unserer Straße. Auf den kargen Holzbänken saßen Woche für Woche zwanzig bis dreißig Kinder. Der stoppelbärtige, vielleicht vierzigjährige Mann mit dem traurigen Blick und dem knurrenden Magen erzählte dann von wunderbaren Dingen und rätselhaften Fernen. Ich hörte fremde Namen wie Esau und Moses, hörte von der Schlange im Paradies, von Jerusalem, der Stadt auf dem Berg. Zum ersten Mal sprach mir ein Erwachsener von Gott so, als könnte ich ihm begegnen wie einem Menschen. Wenn er erzählte, wichen Traurigkeit, Hunger und Kälte aus Herr Jarmatz, und für kostbare Minuten wurde er ein Bote. Wenn Herr Jarmatz sagte, dass Jesus nicht nur Mensch, sondern auch göttlich sei, wandelte sich die Garage zur ‚Hütte Gottes bei den Menschen‘, und Gott war in den Augen und Worten seines Zeugen. In diesen Augenblicken fühlten sich die Flüchtlingskinder heimisch und die Hungrigen satt.“
Auch heute noch gibt es solche Botinnen und Boten. Sie sind wahre Engel in Menschengestalt. Sie erzählen an Orten, an denen Gott fern scheint, seine Geschichte mit uns Menschen und verwandeln Räume in einen Schutzraum der Hütte Gottes. Jeder Ort kann zu einer Hütte Gottes werden. Wo diese Verwandlung geschieht, da berühren sich Himmel und Erde. Ich möchte Ihnen Mut machen, Ihrem Umfeld ein paar kostbare Minuten zu schenken. Jeder Mensch kann zu einem Boten oder einer Botin werden. Es braucht dazu nicht viel. Glaube. Hoffnung. Liebe.
Seht die gute Zeit ist nah,
Gott kommt auf die Erde,
kommt und ist für alle da,
kommt, dass Friede werde.
Frohe Weihnachten wünscht Ihnen Ihr
Pfarrer Markus Wurster, Klinikseelsorger im Christophsbad Göppingen
21.12.25 "Fürchte dich nicht"
Die Dichterin Nelly Sachs, stellte für sich die Frage: Ob Gott sich nach dem Menschen sehnen könnte.“ Das Motiv der Sehnsucht findet sich schon sehr früh in ihren Werken.
Liebe Leserinnen und Leser, wie sieht es um unsere Erwartungen, unsere Sehnsucht nach dem göttlichen, so kurz vor Weihnachten aus?
In wenigen Tagen feiern wir die leibhaftige Erfüllung dieser Sehnsucht vieler Menschen. Die Menschwerdung Gottes in dem kleinen Kind Jesu.
In den Erzählungen vom Unterwegssein, der Herberg Suche, der Geburt in einem Stall, kommt sehr deutlich zum Ausdruck, was diese Menschwerdung Gottes bei uns bewirken soll: Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, wird ein Reich Gottes, ein Land des Friedens und der Gerechtigkeit angesagt. Es soll im Leben eines jeden Einzelnen Wirklichkeit werden. Es soll alle Angst und Furcht in die Erwartung des neuen Lebens umgewandelt werden. In dem „Immanuel“, „Gott mit uns“, wird Josef die Angst und die Sorge um die Dramatik der Geburt Jesu, durch den Engel genommen. „Fürchte dich nicht!“
Ein Gott, der unter uns Mensch wird, verändert sowohl das Menschen- wie das Gottesbild von Grund auf. Der Mensch bekommt eine besondere Würde, die er auch in unseren Tagen, in vielen Teilen der Welt noch immer nicht hat. Der erste Korintherbrief spricht sogar vom Menschen als einem Tempel Gottes: „Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr“ (3,17). Jeder Mensch ist also ein heiliger Ort. Das schärft unseren Blick auf unsere Mitmenschen, besonders auf jene, die unter Vorurteilen verschiedenster Art zu leiden haben. Bei uns und weltweit gibt es Kinder die unter Krieg und Hunger leiden. Auch in ihnen wohnt Gott, vielleicht sogar bevorzugt. Wir sollten ihn nicht leichtfertig übersehen. Wir sollten die Welt nicht aufteilen, wie es gerade geschieht, sondern wahrhaftig teilen.
Aus seinen Erfahrungen in Lagern und Gefängnissen, schrieb der Jesuit Pater Alfred Delp, am 02. Februar 1945 von den Nazis ermordet: „Gott ist auf unseren Straßen anzutreffen. In den dunkelsten Kellern und einsamsten Kerkern des Lebens werden wir ihn treffen.“ Dahin hat Jesus seine Jüngerinnen und Jüngern gesandt: „Geht hinaus auf die Straßen, an die Hecken und Zäune …“
Der unnahbare Gott wird in Jesus handgreiflich. Er macht uns durch Jesus vor, wie das Leben gelingen kann, selbst wenn es durch das Leiden in den Tod führt. Josef hatte Gottvertrauen. In diesem Vertrauen handelte, liebte, lebte er sein Leben für und mit denen ihm anvertrauten, weil Gott es mit uns allen lebt. „Fürchte dich nicht!“
Frohe Erwartung und Nachfolge!
Josef Putz Diakon i.R.
14.12.25 "Advent: Warten und Erwartung"
Liebe Leserin und lieber Leser,
morgen ist der dritte Advent und dann dauert es kaum mehr zehn Tage bis zum Heiligen Abend, oder es sind immer noch zehn Tage.
Je nachdem wie wir diese Tage im Advent empfinden. Vor allem für Kinder fällt das Warten schwer und wird höchstens durch einen Adventskalender erleichtert.
Ich empfinde die Adventszeit als eine besondere Zeit des Wartens und der Erwar-tung. Ich freue mich an der Adventszeit mit viel Musik und vielen Liedern, mit vielen Begegnungen und Gesprächen, auf dem Weihnachtsmarkt, im Gottesdienst oder bei Besuchen. Ich spüre die Vorfreude und manchmal auch die Anspannung, wie Weihnachten in diesem Jahr wohl wird.
In der Bibel wird von Simeon erzählt, einen Mann im hohen Alter. Ihm war vorher-gesagt worden, dass er den Christus sehen werde, vorher würde er nicht sterben. Was dann auch geschah. Aber das ist eine besondere Weihnachtsgeschichte.
Simeon musste viele Jahre, ja sogar Jahrzehnte warten, bis dies geschah.
Was mag er in dieser Zeit des Wartens empfunden haben? Werde ich es noch erleben? Habe ich die Botschaft Gottes falsch verstanden?
Und was wäre gewesen, wenn kein Happyend eingetreten wäre?
Ich möchte noch von einem zweiten Simon, nicht ganz derselbe Name, aber doch ähnlich erzählen. Er ist mein Patensohn. Er hatte leider von Geburt an einen schweren Herzfehler mit der Folge, dass die Nieren bald nicht mehr funktionierten. Es war ein Wunder, dass er nur wenige Monate warten musste, bis er eine Spender-niere bekam. Über 25 Jahre tat diese Niere ihren wertvollen Dienst. Simon wurde groß und erlernte einen Beruf, trotz allen Schwierigkeiten. Er fand die Frau fürs Leben und sie mussten dann einige Jahre auf ein Kind warten. Dann geschah das große Glück. Ein gesunder Sohn wurde geboren. Der allergrößte Wunsch der Beiden wurde nach langem Warten erfüllt. Simon ist letztes Jahr leider verstorben. Doch sein Sohn lebt und ist gefüllt mit Leben und viel Zukunft.
Liebe Leserin und lieber Leser,
welche Erfahrungen haben wir mit der Adventszeit schon gemacht, oder welche „Adventszeiten“ hatten wir schon im Leben?
Worte aus der Bibel wollen uns auf Weihnachten einstimmen. Ich möchte zwei nennen: Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. Er ist arm und reitet auf einem Esel. (aus Sacharja 9,9). Und: Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe der HERR kommt gewaltig. (aus Jesaja 40, 3.10)
Gott kam zu uns und kommt zu uns. Bereitet sein Kommen vor. Seid bereit. Werdet aufmerksam. Öffnet euch für ihn. Habt Erwartungen und wartet, denn er kommt.
Ein Gerechter und ein Helfer.
Wie sehr sehne ich mich nach diesem Helfer. Er kommt.
Ich lasse mir diese Hoffnung nicht nehmen, auch wenn es viel länger dauern mag, wie ich dachte. Gott kommt. Er kommt vielleicht auch anders als erwartet. Als kleines Kind, verletzlich und auf andere angewiesen. Aber er kommt und es wird mit ihm Liebe, Frieden und Gerechtigkeit kommen.
Ich wünsche eine frohe und erwartungsvolle Adventszeit
Pfarrer Georg Braunmüller, Kirchengemeinde Bad Überkingen.
07.12.25 "Ein Funke Mut"
Erinnern Sie sich noch an das erste Mal Fahrradfahren? An Ihren ersten Schultag? An den Moment als Sie das erste Mal vor mehreren Menschen sprechen mussten? Oder an den Moment als Sie Ihren ersten Arbeitstag hatten? Da war sicherlich jeweils viel Mut mit dabei.
„Ein Funke Mut.“ So lautet das Motto der diesjährigen Aktion Friedenslicht aus Bethlehem. Diese ökumenische Aktion findet jährlich statt – in jedem Advent kommen Pfadfinderinnen und Pfadfinder aus ganz Europa zusammen, um gemeinsam die Aussendung des Lichtes zu feiern. Das Licht wird an der Krippe in Betlehem entzündet und ist ein starkes Zeichen, dass wir an eine friedliche, gerechte und menschliche Welt glauben.
Auf den ersten Moment scheint so eine brennende Kerze ganz unscheinbar. Doch durch die Verteilung in ganz Europa, durch das verbindende Zeichen, durch das gemeinsame Gebet um Frieden und eben durch das Entzünden der Flamme an dem Ort, wo Jesus seinen Weg in unserer Welt begonnen hat, ist dieses Licht ein starkes Zeichen des Friedens, der Hoffnung und auch des Mutes. Zudem ist das Friedenslicht ein Zeichen für Freundschaft, Gemeinschaft und Verständigung aller Völker.
„Ein Funke Mut“ können wir gut brauchen – in unserem ganz persönlichen Leben, wo wir eben auch immer wieder Mut für die ein oder andere Situation, die uns begegnet, nötig haben. Und wenn wir auf die Welt blicken, dann schadet Mut auch nicht. „Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen!“ so hören wir Johannes den Täufer im Evangelium des zweiten Adventssonntags in der Wüste rufen – sehr ermutigende Worte. Worte, die uns zusagen mutig durchs Leben und durch die Welt zu gehen, weil wir uns in unserem Menschsein auf die Menschwerdung Gottes verlassen können, auf die wir uns auf ganz besondere Weise in diesen Tagen des Advents vorbereiten.
„Ein Funke Mut.“ Die Aktion Friedenslicht aus Bethlehem mit den vielen im Advent verteilten Lichtern und brennenden Kerzen ist ein starkes Zeichen, welches uns ermutigend und Mut machend vielleicht das annehmen lässt, wo wir entmutigt und mutlos auf das Leben und auf die Welt schauen.
Alisa Braun, Pastoralassistentin und
Thomas Kley, Pfarrer Seelsorgeeinheit Göppingen
Hinweis:
In der evangelischen Reuschgemeinde verteilt der VCP das Friedenslicht nach dem Gottesdienst an Heilig Abend. Die DPSG Stamm St. Maria verteilt das Friedenslicht am 13.12. um 18:00 Uhr in St. Maria und am 14.12. um 11:00 Uhr in St. Paul und am 21.12. um 19:00 Uhr bei der Jugendkirche St. Josef. Zudem wird es in allen katholischen Kirchen der Seelsorgeeinheit Göppingen zur Mitnahme bereitgestellt sein.
30.11.25 "Türle auf"
Nun ist wieder die Zeit der Adventskalender. Jeden Tag ein Schoklädle, das waren die beliebteren Adventskalender in meiner Kindheit, nicht bloß ein Bild. Heute gibt’s allerlei Luxusvarianten, mit Playmobil, Parfums. Denn auch Erwachsenen mögen ihn.
Mich begleitet seit Jahren „Der andere Advent“, - ein besonderer Adventskalender. Für jeden Tag ein „Wort“: Mal eine anregende Geschichte, mal ein guter Gedanke - kombiniert mit ausdrucksstarken Bildern. Ein schöner Brauch, dass Adventskalender uns durch die dunklen Wochen des Jahres begleiten, hin zu Weihnachten.
Ich komme ins Sinnieren. Was brauchen wir Menschen in diesen dunklen und frostigen Zeiten? In den letzten Wochen gab es vermehrt Berichte über Einsamkeit bei jungen wie alten Menschen. Fehlender gesellschaftlicher Zusammenhalt. Eine Zeit von Krisen und Sparzwängen.
Es bräuchte Licht, offene Türen, irgendwie „Schoklädle“ für die Seelen.
Da erinnere ich mich an den vollbesetzten Bus: Ich mit Koffer, zwei Schülerinnen gegenüber. Wir kommen ins Gespräch, neugierig, freundlich, offen. Ein Mitschüler bietet mir Ortsfremden dann am Bahnhof an, mich zum richtigen Gleis zu begleiten für die Weiterreise. Ich staune. So viele offene Türen füreinander. Das tut gut.
Genau das bräuchte es: Offene Augen, damit wir uns wahrnehmen. Offene Herzen füreinander. Dass unser Mund sich öffnet, wir miteinander ins Gespräch kommen. Türöffner sind für andere.
Das wäre ja nochmals ein ganz anderes Modell von Adventskalender, denke ich. Sich überlegen: Welches Türchen mach ich heute ganz bewusst auf für andere Menschen. Und umgekehrt: Wo werde ich mit offenen Türen beschenkt? Dann wird’s „licht“ und freundlicher.
Mein Lieblingsvers aus einem Adventslied fällt mir dazu ein:
„Komm, o mein Heiland Jesus Christ, meines Herzens Tür dir offen ist, ach zieh mit deiner Gnade ein, deine Freundlichkeit auch uns erschein“.
Wie wäre es, mal diese andere Art von Adventkalender auszuprobieren? Türen auf, Freundlichkeit einziehen lassen, jeden Tag ein „Türle“!
Eine gesegnete Adventzeit wünscht Ihnen
Gabriele Krohmer,
evang. Pfarrerin
23.11.25 "Vertrauen statt Selbstüberschätzung"
Am letzten Sonntag im Kirchenjahr, dem Christkönigssonntag, schaut die Kirche auf ein überraschendes Bild: kein König auf einem Thron, sondern ein Mann am Kreuz. Über ihm steht die Inschrift: „Das ist der König der Juden.“
Sie stammt von Pilatus, dem römischen Statthalter – einem, der kaum an Jesus glaubte und ihn doch so bezeichnete. Eine bittere Ironie, die zugleich eine tiefe Wahrheit enthält: In diesem Gekreuzigten zeigt sich eine andere Art von Macht – nicht die Macht, über andere zu herrschen, sondern die Kraft, Leben zu schenken.
Neben ihm hängen zwei Verurteilte. Der eine spottet und fordert Rettung. Der andere aber erkennt die eigene Schuld, schaut auf Jesus und sagt schlicht: „Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“
Er weist keine eigene Leistung vor, fordert nichts, sondern sehnt sich nur nach Erbarmen. Und er erhält die tröstliche Antwort: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.
Diese Szene erinnert an vieles, was wir aus dem Alltag kennen. Wir versuchen, unser Leben im Griff zu behalten: Termine, Aufgaben, Erwartungen. Wir wollen funktionieren, stark sein, die Kontrolle behalten. Und wenn etwas schiefläuft, suchen wir oft nach Gründen, manchmal auch nach Schuldigen. Doch das Leben zeigt immer wieder, dass wir nicht alles beherrschen können – dass wir aufeinander angewiesen sind.
Der Christkönigssonntag lädt dazu ein, das auszuhalten – und Vertrauen zu wagen.
Vertrauen, dass man nicht alles allein schaffen muss. Vertrauen, dass man gehalten ist, auch wenn man selbst nichts leisten kann.
Der Christkönigssonntag erinnert daran, dass wahre Größe nicht im Beherrschen liegt, sondern im Loslassen, im Vertrauen.
Wer anerkennt, dass er sich nicht selbst retten kann, öffnet sich für eine andere Kraft – für jene, die größer ist als wir, und die uns dennoch zutiefst kennt und annimmt.
Nicht irdische Macht, sondern das Vertrauen in göttliche Macht hat das letzte Wort.
Josef Priel
Gemeindereferent Deggingen-Bad Ditzenbach
16.11.25 "St. Martinszeit"
In dieser Woche haben wir immer wieder Kinder und Familien mit Laternen durch die Straßen ziehen sehen. Bunte Lichter, fröhliche Lieder, der Geruch von Punsch in der Luft – die Martinszeit hat etwas Warmes, auch wenn es draußen schon kalt geworden ist. Die Laternenumzüge finden rund um den 11. November statt. Während die einen an diesem Tag den Beginn der Fasnet oder des Karnevals feiern, feiern wir den heiligen Martin – vermutlich einen der bekanntesten Heiligen überhaupt.
Berühmt wurde Martin durch eine einfache, aber eindrückliche Geste: Er teilt seinen Mantel mit einem frierenden Bettler. Ein Stück Stoff, das Wärme schenkt – und mehr als das. In der Mantelteilung steckt ein Symbol, das bis heute Kraft hat. Sie erinnert uns daran, dass Teilen nicht immer nur bedeutet, etwas Materielles herzugeben. Manchmal ist es Zeit, Aufmerksamkeit oder Mitgefühl, das wir teilen.
Die Geschichte des heiligen Martin spielt vor vielen Jahrhunderten, aber ihre Botschaft ist erstaunlich aktuell. In einer Zeit, in der viele Menschen frieren – nicht nur körperlich, sondern auch innerlich –, tut es gut, an einen Heiligen zu denken, der einfach stehen blieb, hinsah und handelte. Vielleicht liegt genau darin das, was wir heute brauchen: den Mut, nicht vorbeizugehen.
Wenn wir die Kinder mit ihren Laternen sehen, dann ist das mehr als nur ein schöner Brauch. Es ist ein kleines Zeichen der Hoffnung. Die Lichter, die durch die Dunkelheit ziehen, erinnern uns daran, dass jeder von uns ein Licht sein kann – für andere, die gerade Wärme, Licht oder Nähe brauchen.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft des heiligen Martin: Dass es nicht darauf ankommt, wie viel wir haben, sondern ob wir bereit sind zu teilen.
Alisa Braun
Pastoralassistentin Göppingen
09.11.25 "Herbst"
Wieder ist es Herbst geworden, und wenn Sie diese Sonntagsgedanken lesen, dann schreiben wir den 9. November 2025. Es gibt wohl keinen denkwürdigeren Tag, an dem die diesjährige Friedensdekade unter dem Motto „Komm den Frieden wecken“ beginnen könnte.
Oftmals sprechen wir vom Schicksalstag der Deutschen. Denn es ranken sich sowohl hoffnungsfrohe Ereignisse um dieses Datum als auch die abgrundtief dunkelsten Tragödien für die Menschheit.
Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann die erste deutsche Republik aus. Parallel dazu verkündete Karl Liebknecht die ‚freie sozialistische Republik Deutschland‘. Von Anfang an war die Weimarer Republik gefährdet. Am 9. November 1923 wollten Hitler, Ludendorff und weitere antidemokratische Kräfte ebendiese zum Sturz bringen.
Leider wissen wir nur zu gut, wie die deutsche Geschichte weiterging. Das wohl dunkelste Kapitel läutete die Reichspogromnacht am 9. November 1938 ein. Sie gipfelte mit der Ermordung von 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens. Am Ende des 2. Weltkrieges hatten mehr als 70 Millionen Menschen gewaltsam ihr Leben gelassen, zigtausende waren auf der Flucht und das Land ein einziger Scherbenhaufen. Unfassbar, was Menschen anderen Menschen antun können!
Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 wurde zum Grunddatum großer Hoffnung auf ein vereintes Deutschland, in welchem beide Seiten ihre Stärken einbringen sollten. Doch auch hier folgte eine Ernüchterung.
Am Berliner U-Bahnhof Gesundbrunnen und hinter dem Eingang in die Ausstellung im KZ Auschwitz steht die denkwürdige Aussage des Philosophen, George Santayana: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen“. Schlimm: In Berlin muss die Inschrift inzwischen videoüberwacht werden!
Blicke ich auf unser Land und auf die Welt, dann scheint mir, dass wir ein Erinnern nötiger denn je haben. Ein Weckruf nach Frieden wird immer dringlicher! Möge die Friedensbotschaft gehört werden und weite Kreise ziehen, um die vermeintlich großen Worte und alles Säbelrasseln zu übertönen!
Bereits im Buch der Sprüche lesen wir: „… vergiss meine Weisung nicht, und dein Herz behalte meine Gebote, denn sie werden dir langes Leben bringen und gute Jahre und Frieden.“ (Spr. 3,1f)
Vergessen wir nicht, unser Gott ist ein Gott, der das Leben in Frieden will!
„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jer. 29,11)
Ihnen von Herzen ein friedvolles, gesegnetes Wochenende!
Michaela Köger,
Ev. Pfarrerin
02.11.25 "Im Diesseits auf das Jenseits hin: Allerheiligen mit Allerseelen"
Im Jahreskreis der Katholischen Kirche wird am Samstag das Fest Allerheiligen und am Sonntag das Fest Allerseelen begangen. Zwei liturgische Anlässe, die vielleicht auch bei Ihnen die Frage aufkommen lassen, was Sie als Christ:in damit verbinden? Mit welcher Intention Sie diese begehen oder warum Sie vielleicht auch spirituelle Skepsis hegen?
Bevor ich mich für die heutigen Sonntagsgedanken eingetragen habe, gab es auch bei mir einen Moment des Zögerns. Ich spürte, dass ich für ein authentisches Schreiben nochmals auf die Suche gehen muss.
Natürlich habe ich die theologischen Inhalte der beiden Festgeheimnisse verinnerlicht und mir ist fachlich klar, was da zu schreiben ist. Offen bleibt aber, ob der gesetzte Inhalt noch mit den Erfahrungen meiner religiösen Biografie im Einklang sind und an welchen Punkten es einer Erweiterung bedarf, um spirituelles Berührtsein zu spüren.
Für die Grundaussagen zu Allerheiligen habe ich klassisch das Lexikon für Theologie und Kirche bemüht. Dort ist, von einem Fest aller in Christus Vollendeten zu lesen, die im Himmlischen Jerusalem, Gott außerhalb der Zeit, also in Ewigkeit, loben. Der Kreis ist nicht geschlossen, sondern bezieht auch die Vollendeten ein, deren offizielle Anerkennung (Kanonisierung) durch die Amtskirche noch nicht erfolgte.
Für mich heißt das: Gott kennt auch Heiligkeit, die auf Erden nicht immer in den Blick kommt oder gefeiert wird. Ein an den Evangelien wie am Vorbild Jesu Christi ausgerichtetes Leben kann sich - bei allen Höhen und Tiefen - zu einem gelingenden Lebensentwurf entfalten und die Dimension „Heiligkeit“ auch schon im Hier und Jetzt aufscheinen lassen. Es gibt sie, die alltäglich verlässlich im Kleinen gegebene Chance auf „Heiligkeit“. Sie ist Aufforderung an mich und durch mich auch Hilfe und Stärkung für andere. Dafür bitte ich gerne um Gottes Beistand am Fest Allerheiligen.
Allerseelen, jährlich wiederkehrender Gedenktag aller Verstorbenen - so lese ich wieder im Lexikon - mit der Intention, den Verstorbenen mittels Gebet, Weihwasser und Licht zur endgültigen Erlösung zu verhelfen.
Das Bild „der armen Seelen im Fegefeuer“ ist mir in meiner Kindheit nachhaltig begegnet. Damit einher gingen religiöse Praktiken, um von der Erde aus die endgültige Erlösung einzelner Verstorbener „zu befeuern“. Für Verstorbene immer wieder liebevoll zu beten, das hat für mich Sinn, dass eine oder andere darüber hinaus befremdet mich mittlerweile.
Der Kreis deren, die ich am Allerseelentag vor Gottes Angesicht „trage“, ist überschaubar. Aber es gibt für mich weitere „arme Seelen“ mitten im Leben. Das sind individuelle Lebensschicksale, um die ich weiß, die ich erahne, die mir zugetragen werden - Seelen zerrissen, nicht heil und somit aktuell „arm“.
Lebensbiografien, die sich - unverschuldet oder durch eigenes Handeln - als kantig, schwergängig, vielleicht sogar scheinbar gottfern ereignen. Gerade auch für diese Menschen möchte ich an Allerseelen um göttliche Hilfe für diesseitige Momente der Vollendung beten.
Helmut G. Bertling,
Kath. Schuldekan
26.10.25 "Wie sieht der Himmel aus?"
Jesus stellt seinen Jüngern diese Frage: „Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden?“ (Markus 4,30). Jesus redet vom Reich Gottes, im Matthäusevangelium heißt es das Himmelreich. Weil Himmel der Ort ist, wo Gott ist. Da lernen wir schon eine erste Sache: Himmel ist kein geographischer Ort. Sondern der Ort, wo Gott ist. Himmel ist sein Eigentum, das Reich, in dem ER regiert. Das sollte ja eigentlich auch die Erde sein, aber sie ist es so oft auch nicht. In ihr regieren auch andere Kräfte und Mächte, nicht zuletzt wir Menschen, vor allem aber auch der Tod. Wo Gott ist, im Himmel, da ist aber Leben. Und Leben kennen wir auch. Auch wenn es eben irdisches Leben ist.
Jesus beginnt zu erzählen über das Leben. Er erzählt aus unserer Lebenswirklichkeit, von Dingen, die wir kennen, erzählt er, um vom Himmel zu erzählen. Denn anders können wir es nicht begreifen. Und so erzählt er: Der Himmel ist wie die Saat auf dem Feld. Der Himmel ist wie ein Senfkorn. Der Himmel ist wie ein Schatz im Acker. Für eine Welt, für die es keine Worte gibt, hat Jesus Worte, die jeder kennt.
Der große Theologe Karl Barth ist mal gefragt worden, wie der Himmel aussieht. Und er sagte einfach „Der Himmel ist Mozart. Mozarts Musik.“ Vielleicht weil er bei Mozarts Musik die Engel singen hören konnte. Und im Himmel sind doch die Engel. Wenn sie gerade nicht auf der Erde sind.
Der Himmel – wie sieht er aus? „Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden?“
Jesus bringt durch seine Worte den Himmel auf die Erde um uns selbst in den Himmel zu bringen. Er hofft auf unser Vertrauen. Denn wenn wir ihm vertrauen, wachsen uns Flügel. Mit Jesus beginnt es. Darum sagt Jesus auch einmal, als andere ihn fragen, wann das Reich Gottes kommt und woran man es erkennt, dass es schon da ist: „Das Reich Gottes, das Himmelreich es mitten unter euch!“ (Lukas 17,21). Und an anderer Stelle: „Das Reich Gottes, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen – ändert euren Sinn und vertraut meiner frohen Botschaft!“
Und er beschreibt es auf vielfältige Weise und will unserem Glauben Flügel verleihen.
Da lernen wir zweitens: Das Himmelreich, es hat keine konkrete Gestalt. Es ist so verschieden wie wir Menschen verschieden sind. Mozarts Musik ist nicht jedermanns Sache. Für einen anderen ist der Himmel vielleicht wie eine Bank im Park. Nach einem harten Arbeitstag einfach sitzen dürfen – auf der Bank. In Ruhe. Ohne Schmerzen im Rücken. Dazu die Bildzeitung. Und die Abendsonne im Gesicht. Und ein Schluck kühle Cola dazu.
Für eine andere ist der Himmel ein Garten. Wie in der Bibel das Paradies, das ja auch ein Garten, der Garten Eden war. Und in dem Garten steht ein alter Obstbaum. Und da blühen viele Blumen. Und es wachsen mancherlei Beeren auf den Sträuchern und Rüben und Kartoffeln unter der Erde. Und der Rasen ist frisch gemäht, eine Wonne.
Für wieder jemand anders ist der Himmel wie ein gedeckter Tisch am Sonntag. Und alle Lieben sitzen am Tisch und unterhalten sich. Eine lebhafte Runde und allen schmeckt es vorzüglich. Wie schön es ist, beieinander zu sein, miteinander zu lachen und zu scherzen, längst vergangene Erlebnisse wieder gemeinsam erleben bei einem Gläschen Wein. Ja, der darf nicht fehlen. Dafür aber gibt es im Himmel keinen Krebs. Und mit dem Tod ist es im Himmel endgültig vorbei. Für ihn gibt es am Tisch keinen Platz mehr.
Der Himmel, wie sieht er aus?
Was ist Ihr Vergleich für das Reich Gottes, für den Himmel? Und, was noch wichtiger ist: Wie kann es in Ihrem Leben himmlisch werden?
Andreas Vix,
Evangelischer Pfarrer
19.10.25 "Bücher über Engel"
Bücher über Engel gibt es unzählig viele auf dem Büchermarkt. Bilder und Figuren von Engel gibt es überall zu kaufen. Und so langsam kommen auch schon die Weihnachtsengel wieder zum Vorschein. Die Bibel selber erzählt keine Geschichten von Engeln, sondern Geschichten mit Engeln.
Die Engel verschwinden ebenso schnell wieder, wie sie aufgetreten sind. Was vorher war und nachher ist, steht nicht da. Und trotzdem – Engel sind unterwegs. Sie kommen und gehen. Sie scheinen uns nahe zu sein und sind doch fremd. „Käme kein Engel mehr, dann ginge die Welt unter. Solange Gott die Erde trägt, schickt er seine Engel. Die Engel sind älter als alle Religionen, und sie kommen auch noch zu den Menschen, die von Religion nichts mehr wissen wollen.“ So beginnt der alttestamentliche Theologe Klaus Westermann sein Buch über Engel. Diese Worte passen besonders in unser säkulares, multikulturelles Weltverstehen. Wie sehen wir die Engel?
Sie sind für uns da um uns zu beschützen und sind gleichzeitig Hinweise himmlischer, unheimlicher Mächte. Sie verkünden frohe und gute Botschaften und vermitteln zugleich rätselhafte Aufträge. Sie geben klare Hinweise und lassen zugleich Unsicherheit zurück. Es gibt sie in den religiösen Traditionen, und zu ihnen gehören bestimmte Namen und Attribute. Gleichzeitig reden auch Menschen von Engeln, die mit der religiösen Tradition nichts im Sinn haben oder nichts von ihr wissen. Es gibt Zeiten, in denen man von Engeln spricht und Zeiten, in denen sie keine herausragende Rolle spielen. Niemand weiß genau über sie Bescheid, und doch gibt es unendlich viele Bilder, Lieder, Gedichte und Geschichten über sie und von ihnen.
Was also fasziniert uns an den Engeln? Engel heißt übersetzt Bote oder Gesandter. Wenn Menschen heute von Engeln reden oder hören, ist ihnen die Vorstellung eines Schutzengels am Vertrautesten. Sie treten zu besonderen Zeiten, oft Krisenzeiten, auf. In Augenblicken der Furcht und Angst werden sie gerufen. Gerade in solchen Situationen freuen wir uns, wenn wir Menschen haben, die uns helfen. „Du bist mein Engel“ sagen wir dann zu ihnen. Ja, den Auftrag füreinander Engel zu sein nimmt uns kein Engel ab. Deshalb schreibt der Dichter Rudolf Otto Wiemer ein Gedicht für unsere Zeit:
„Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel. Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein, die Engel. Oft sind sie alt und hässlich und klein, die Engel. Er steht im Weg und er sagt: Nein, der Engel. Groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein, der Engel. Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.“
Engel – gibt’s die unter uns? Ich denke schon, wenn auch oft unerkannt. Durch viele Menschen, die sich ehrenamtlich für ihre Mitmenschen engagieren sie sie mitten unter uns. Denn – Gottes Engel brauchen keine Flügel.
Winfried Hierlemann
Pfarrer i.R., Süßen
12.10.25 "Entdeckt!"
„Entdeckt!“
ruft das Kind und zieht die Decke weg, unter der sich die Spielkameradin versteckt hatte.
Entdecken kann man nur, was schon da ist, aber vor den eigenen Augen verborgen liegt.
„Land entdeckt!“ ruft es aus dem Ausguck, als am 12. Oktober 1492 die drei Schiffe endlich auf eine Küste treffen. Schon über einen Monat war Christoph Kolumbus damals mit seiner Mannschaft über den Atlantik gesegelt, auf der Suche nach dem Seeweg nach Asien. Und mit dem Auftrag Gold, Silber und Landbesitz für die spanische Krone zu erbeuten.
Der 12. Oktober gilt als Tag der Entdeckung Amerikas.
Wobei schon über 12 000 Jahre zuvor Menschen diesen Kontinent entdeckt und nach und nach besiedelt hatten. Und auch die Wikinger hatten schon 500 Jahre vor Columbus, allerdings viel weiter im Norden, mal kurz vorbeigeschaut. Doch am 12. Oktober 1492 öffnete sich für die Bewohner und Bewohnerinnen Amerikas und der vorgelagerten Inseln das Tor zur Hölle. Dem „Entdecker“ folgten die Eroberer und brachten Krankheiten, tödliche Gewalt, Zwangsarbeit und Enteignung. „Was habe ich da entdeckt?“ fragte sich Jakob, als er aufwachte aus einem erstaunlichen Traum. Da war ein Treppe, die führte von der Erde zum Himmel, und er sah Engel darauf auf und niedersteigen. „Hier auf diesem Fleck Erde ist das Haus Gottes, das Tor zum Himmel, und ich wusste es nicht.“ Da, wo dann der Tempel Bet-El stand, da soll das gewesen sein. (1. Buch Mose, 28)
„So viel Schönes habe ich schon entdeckt..“ - auf Reisen, an vielen Orten: stille Buchten und grandiose Ausblicke, freundliche Menschen, nette Cafés und eindrucksvolle Gotteshäuser.
In Sevilla steht die drittgrößte Kathedrale der Welt mit einem prachtvollen Hochalter mit holzgeschnitzten Darstellungen aus dem Leben Jesu, vergoldet mit geraubtem Blattgold aus der neuen Welt. Ach ja, und das Grab von Kolumbus, das findet sich dort auch. Manche Entdeckungen machen betroffen.
Manche Entdeckung macht man aus Zufall. Stößt ohne es groß zu wollen auf einen himmlischen Ort. Und staunt und ist berührt von einer Ahnung göttlicher Gegenwart. Und baut diesem Erlebnis einen Tempel in der eigenen Erinnerung.
Oder man veröffentlicht davon ein Foto auf Instagram oder sonst wo in den sozialen Medien, wie zum Beweis: Ich war da.
Etwas entdecken – das Haus Gottes, das Tor zum Himmel, eine neue Welt, die vertraute Spielkameradin – kann wunderbar sein.
Und dann?
Dann tauschen wir die Rollen und warten darauf bis oder dass wir entdeckt werden.
Oder wir werden still und danken für das, was wir sehen durften, und gehen weiter.
Oder wir bemächtigen uns dessen, was schon vor uns da war. Und aus der Entdeckung wird Eroberung. Das Göttliche verblasst, der Himmel schließt sich und übrig bleibt Haben wollen und sich breit machen.
Was werden wir entdecken – an diesem 12. Oktober 2025?
Martina Rupp,
Ev. Pfarrerin, Eschenbach
05.10.25 "Sehen, was geschenkt ist"
Am ersten Sonntag im Oktober feiern viele Gemeinden Erntedank. Bunte Altäre und volle Körbe zeigen: Wir haben Grund zum Danken.
Dankbar zu sein fällt nicht immer leicht. Sorgen, Belastungen und die Ansprüche des Alltags verdecken oft, was wir empfangen haben. Doch wenn wir etwas genauer nachdenken, merken wir schnell wie viel uns gegeben ist. So vieles was wir haben, ist nicht selbstverständlich. Es ist uns gegeben.
Darum ist es sinnvoll, immer wieder neu Danke zu sagen – für das Alltägliche wie für die kleinen und großen Dinge. Vielleicht ein gutes Gespräch, eine gelungene Begegnung, die Gesundheit oder schlicht der neue Tag, der uns geschenkt wird.
Und wer bewusst dankt, sieht sein Leben neu. Dankbarkeit verändert die Perspektive: Nicht mehr der Mangel steht im Mittelpunkt, sondern das Geschenk.
Meister Eckhart brachte es auf den Punkt: „Wenn du in deinem ganzen Leben nur ein einziges Gebet sprichst – und das heißt Danke –, dann würde das genügen.“
Das Evangelium dieses Sonntags spricht vom Senfkorn-Glauben, der Berge versetzen kann. Übertragen heißt das: Auch kleine Schritte der Dankbarkeit können Großes bewirken. Wer Danke sagt, wird gelassener, offener – und bereit zu teilen. Denn Dankbarkeit führt zur Einsicht, dass das Leben nicht nur für mich bestimmt ist.
Erntedank lädt ein, neu hinzusehen: Alles, was wir haben, ist Geschenk. Und auf ein Geschenk antwortet man am besten mit einem einzigen Wort – Danke.
Josef Priel
Gemeindereferent
Seelsorgeeinheit Deggingen, Bad Ditzenbach
28.09.25 "Nach Deutschland kommen"
„Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?“ Ali sitzt in dem schmucklosen Raum im Bundesamt in Karlsruhe seinem Interviewer gegenüber. Eigentlich sollte er nur zur erkennungsdienstlichen Behandlung mitkommen. Doch der Beamte entschied spontan, dass nicht nur seine volljährigen Geschwister, sondern auch der vierzehnjährige Ali zum Interview muss.
„Warum suchen sie in Deutschland Asyl?“ Ali schaut ratlos. Der Beamte fordert die Dolmetscherin auf zu übersetzen, doch das ist nicht das Problem. Ali spricht besser Deutsch als die Muttersprache seiner Eltern.
Als Beistand schalte ich mich ein: Ali ist mit 3 Jahren mit seiner Familie in unsere Gemeinde gekommen. Er ist hier aufgewachsen. Ganz normal wie alle anderen ging er in den Kindergarten, in die Grundschule, in die weiterführende Schule…
„Du musst dich in der Schule anstrengen,“ hatte eine Lehrerin gesagt, die es gut mit ihm meinte, „sonst wirst du in deine Heimat abgeschoben.“ Heimat? Die ist für Ali hier, er kennt das Heimatland seiner Eltern nicht, er war nie dort.
Alis Schwester hat sich angestrengt, sie macht die Ausbildung zur Erzieherin. Die werden dringend gebraucht, aber Geflüchtete brauchen wir anscheinend nicht.
Alis Vater kann nachts nicht schlafen. Er hat die Gräuel in den kriegerischen Auseinandersetzungen in seinem Land miterlebt. Er ist davon schwer traumatisiert. Und dann ist da die Angst. Die Angst abgeschoben zu werden. In seinem Heimatland drohen ihm Folter und Tod, da ist er sich sicher.
„Was befürchten sie bei einer Rückkehr in ihr Heimatland?“ Der Beamte fährt stur fort, die Fragen in seinem Fragenkatalog zu bearbeiten. Der Jurist will alles richtig machen - und ist dabei ein Rädchen in der Maschinerie, die Alis Zukunft zerstört.
Einige Wochen nach dem Interview kommt die Ablehnung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Der Rechtsanwalt reicht wieder Klage beim Verwaltungsgericht ein. Schon zweimal bekam die Familie dort Recht. Doch nun sind drei der Kinder volljährig, der Rechtsanwalt hat Bedenken.
Seit über zehn Jahren ist die Familie im Asylverfahren. Wir können nichts tun als wieder warten und beten: Alis Mutter und ich – um ein sicheres Zuhause bei uns und dass unsere Gesellschaft die geflüchteten Familien endlich als Chance für uns alle erkennt.
Gabriele Renz,
Pfarrerin in Steinenkirch
21.09.2025 "Pilger der Hoffnung"
Spätestens seit dem „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling ist Pilgern wieder in aller Munde: auf dem Weg nach Santiago de Compostela, nach Rom, auf den Spuren des Hl. Martin oder auf einem der vielzähligen Pilgerwege, die es gibt. Menschen wollen raus aus dem Alltagstrott und Zeit und Raum in Herz und Kopf für ein Thema finden, das einen umtreibt. Für Christen ist Pilgern mehr als nur eine Wanderung: Es ist eine Haltung des Herzens, die unseren Glauben dauerhaft prägt. Pilgernde gehen einen Weg, auf dem Vertrauen, Gewissheit und Hoffnung sich gegenseitig stärken und tragen. Dabei wird deutlich, dass Pilgern nicht zeitlich begrenzt ist, sondern zu einer Grundhaltung wird, die Lebens- und Glaubensentscheidungen mit beeinflussen kann.
Schon im Alten Testament finden wir das „pilgernde Gottesvolk“, das unterwegs ist: Mose und sein Volk ist begleitet von der Gegenwart Gottes in der Bundelade, die sie mit sich tragen. Das Bild bleibt aktuell: Wir gehen nicht allein. Gott geht mit uns, er führt uns durch Wüstenzeiten, schenkt Perspektive und Orientierung. In dieser Grunderfahrung wird Pilgern zur Praxis des Glaubens: Wir können lernen loszulassen und uns neu an Gottes Zusagen zu orientieren und uns neu an seiner Einladung auszurichten: Gottes Spuren in unserer Welt zu hinterlassen.
Das alle 25 Jahre stattfindende heilige Jahr, das 2025 in Rom und weltweit von der kath. Kirche gefeiert wird, steht unter dem Leitwort „Pilger der Hoffnung“ und greift ein zentrales Thema des verstorbenen Papst Franziskus auf. Es möchte uns Mut machen als Menschen in dieser unsicheren weltpolitischen und gesellschaftlichen Zeit unterwegs zu sein und dabei Hoffnung in und aus dem Glauben zu schöpfen, sich davon leiten und prägen zu lassen und so Gottes Zusage auszustrahlen und weitertragen zu können. So, dass vielleicht andere anfangen nach der Hoffnung zu fragen, die uns erfüllt und trägt (vgl. 1 Petr 3,15b)
Am 4. Oktober findet im Dekanat Göppingen-Geislingen ein Dekanatspilgertag statt, der auch unter diesem Leitwort steht. Sie sind herzlich eingeladen aufzubrechen und im Geist der pilgernden Hoffnungsträger:innen unterwegs zu sein. Schließen Sie sich einem der vielfältigen Pilgerwege an: egal, ob zu Fuß, mit dem Auto, mit dem Fahrrad, als Jugendgruppe, als Familie oder in der mehrsprachigen Pilgergruppe. Mit Impulsen, Gespräch, Schweigen und Gehen, im Austausch oder mit einem kreativen Angebot sind wir unterwegs, um spätestens um 14 Uhr in Ave Maria, dem Ziel des Dekanatspilgertages, einzutreffen, wo ein gemeinsamer Pilgergottesdienst gefeiert. Alle Information finden Sie dazu auf: www.dekanat-gp-gs.de
Machen wir uns gemeinsam als Pilger der Hoffnung mutig auf unsere Schritte zu gehen – gestärkt von der Gemeinschaft – um auf dem persönlichen Lebensweg unterwegs zu sein: nicht aus Furcht vor der Zukunft, sondern erfüllt von der Gewissheit, dass Gott Schritt für Schritt unsere Wege durchs Leben mitgeht.
Katharina Schweizer,
Gemeindereferentin
14.09.2025 "Vom Zusammenzählen des Lebens"
Ich war schlecht in Mathe – jedenfalls, als es in der Schule in den höheren Klassen drauf ankam. Aber fürs Zusammenzählen reichte es, man musste ja nur die Summe bilden. Also kann man die Jahre eines Arbeitslebens addieren, kann die erarbeitete Höhe von Rente oder Ruhegehalt (so heißt es bei mir ab dem 1.10.) errechnen lassen und weiß, was gewesen ist und wozu es gut war. Alles schön einsortiert und abgelegt. Schön wär’s! Die Summe, das Fazit will sich so nicht einstellen.
Natürlich kommen einem gemeisterte Aufgaben, erfolgreiche Projekte, Sternstunden von Miteinander und Gelingen in den Sinn. Wo alles oder das Meiste gepasst hat. Wo sich Mühe und Arbeit „gelohnt“ haben. Eine schöne Summe! Aber davon müsste ich wieder abziehen, was nicht gelungen ist, wo ich nicht „gut“ genug war, wo die Kraft nicht gereicht hat oder einfach meine Möglichkeiten und Fähigkeiten zu gering waren. Und dabei hatte ich das Privileg, einen Beruf auszuüben, den ich mir ausgesucht habe und der mich ausgefüllt hat. Was sollen die sagen, die einfach nur schauen müssen, wie sie über die Runden kommen? Die die Wahl nicht hatten? Denen das dann nicht einmal fürs Leben reicht?
Ich zähle also manche Begegnungen auf, beruflich wie privat, manche auf Zeit, manche auf Dauer. Lege dazu, was erfüllend und lebendig und was schwierig war. Sehe die Spuren, die andere bei mir hinterlassen haben und Spuren, die ich vielleicht hinterlassen habe. Spüre Dank und habe manche Fragen: warum das ein oder andere nicht gelungen ist? Was ich hätte besser machen können – und was eben so war, wie es war. Und dann auch so bleibt.
Ich scheitere – beim Zusammenzählen, beim Fazit des (Berufs)lebens. Und ich merke: das ist gut so. Weil mein, unser Leben mehr ist als die Bilanz, die wir ziehen. „Es ist noch nicht offenbar, was wir sein werden“ steht in der Bibel (1 Joh 3,2). Ja, da steht noch etwas aus: Ja, da ist mehr als Geleistetes aus eigener Kraft. „Gottes Kinder sind wir schon“ fährt die Bibel weiter fort. Das zählt statt der Zahlen. Leben wir oder zählen wir?
Hannes Gaiser,
Evangelischer Pfarrer Kirchengemeinde Göppingen
Pfarramt Nord- Stadtkirchengemeinde Oberhofen
07.09.25 "Schnelllebigkeit"
Eigentlich gibt es das Wort „schnelllebig“ nicht, denn die Zeit vergeht für jeden von uns gleich schnell! Nur kommt es uns manchmal so vor, dass die Zeit schneller vergeht, vor allem jetzt in der zweiten Jahreshälfte, wenn es schon wieder unaufhaltsam Herbst wird, und wir das Gefühl haben, dass das Jahr 2025 bald schon wieder vorbei ist. Aber das ist ein subjektives Empfinden – in Wirklichkeit leben wir im September nicht schneller als im Juni.
Schnelllebig ist unsere Welt allerdings in anderer Hinsicht: Dinge gelten oder behalten ihren Wert immer kürzer. Hat man früher auf seinen guten Wintermantel Jahrzehnte aufgepasst, kommt heute das gute Polyester-Stück nach zwei Wintern in den Kleidersack, weil der chinesische Versandhändler mir schon wieder etwas Neues schmackhaft gemacht hat. Und wer mag sich denn heute noch auf die Zusage von jemandem verlassen? „Betriebsbedingte Kündigungen sind ausgeschlossen.“ – darauf baut heute keiner mehr seine Zukunft auf! „Lebenslange Garantie.“ – Tupper lässt grüßen! Und der amerikanische Präsident führt uns jeden Tag vor Augen, was Versprechungen oder Zusagen noch wert sind: nichts! Heute so und morgen anders, das ist der Trend der Zeit! Schnelllebig ist alles geworden, man kommt kaum noch hinterher!
Ein uns unbekannter jüdischer Gelehrter hat im ersten Jahrhundert vor Christus ein Buch verfasst, das das jüngste des Alten Testaments ist, das Buch der Weisheit. Und er scheint eine gute Menschenkenntnis gehabt zu haben, wenn er schreibt: „Unsicher sind die Überlegungen der Sterblichen, einfältig sind unsere Gedanken. Irdische Dinge belasten den um vieles besorgten Verstand.“
Manchmal lässt uns das, was um uns herum geschieht, am gesunden Menschenverstand zweifeln. Und jeder, der heute für Mitarbeitende, für die Umwelt, für seine Kinder oder für seine Eltern Verantwortung trägt, weiß, wie belastend es sein kann, wenn man sich Gedanken über die Zukunft macht: wie es mit dem Weltfrieden, dem Weltklima oder der politischen Weltordnung weitergehen wird. Es ist manchmal wirklich zum Verzweifeln! Unsicher ist alles, was man sich überlegt, denn wer will heute noch verlässlich einschätzen, was in fünf oder zehn Jahren ist?
Ich finde es spannend, dass dieser unbekannte Gelehrte nicht um Gewitztheit, Skrupellosigkeit oder eine Scheißegal-Haltung bittet, um dieser Unsicherheit zu begegnen, sondern um Weisheit! „Durch Weisheit wurden die Menschen gerettet.“, schreibt er. Weisheit ist das genaue Gegenteil von Schnelllebigkeit! Weisheit vertraut auf das Wissen und die Erfahrung der Vorfahren, und spannt einen Bogen in die Zukunft, der auf mehr als einen kurzfristigen Erfolg oder Profit abzielt!
Möge der Herr uns deshalb Weisheit geben in unserer schnelllebigen Zeit!
Pfarrer Stefan Pappelau,
Gesamtkirchengemeinde Göppingen
31.08.25 "Vetrauen"
Ein anderes Wort für Glauben ist Vertrauen. Und Vertrauen ist immer ein Wagnis. Man verlässt sich auf Gott und nicht zuallererst auf sich selbst.
In der Jugendarbeit wird dies gerne mit dem sog. „Vertrauensfall“ praktisch veranschaulicht: eine freiwillige Person lässt sich dabei rückwärts von einer erhöhten Position fallen und wird von den anderen der Gruppe aufgefangen. Die Frage dabei ist: traue ich mich? Vertraue ich den anderen in der Gruppe? Auch denen, die gerne Flausen im Kopf haben?
Wer den Schritt wagt und sich auf die Übung einlässt, merkt schnell, dass es sich lohnt - und auch Freude macht. Auf andere zu vertrauen ist ein lohnendes Wagnis.
Diese Übung lässt sich auf den Glauben übertragen. Vertrauen auf Gott ist auch ein Wagnis; sich auf Gott zu verlassen und nicht zuallererst auf sich selbst, braucht ebenfalls eine Portion Mut.
Ich merke bei mir selbst immer wieder: das ist wirklich nicht einfach! Zu viele „wenn“ und „aber“ kommen einem in den Sinn und halten mich davon ab, voll und ganz zu vertrauen.
Und ich gebe es zu: bei der folgenden Geschichte habe ich mich voll ertappt gefühlt:
In einem Dorf hatte es schon monatelang nicht mehr geregnet. Die Dürre drohte eine Katastrophe zu werden. Die Bewohner suchten nach einer Lösung und beschlossen schließlich, einen weisen Mann aufzusuchen, von dem bekannt war, dass er Wunder vollbringen kann. Sie wollten ihn um Regen bitten.
Das ganze Dorf machte sich also auf den Weg und nach einer langen Reise kamen sie endlich zu der Wohnstätte des weisen Mannes. Die Dorfältesten baten ihn um Regen für ihre Äcker und Felder, die Tiere und die durstigen Menschen.
Der weise Mann antwortete: „Es tut mir leid, aber es wird kein Wunder geschehen, denn ihr besitzt zu wenig Glauben!“
„Aber wie kannst du so etwas sagen“, antworteten die Ältesten. „Wir haben uns extra auf den weiten Weg hierher gemacht, um dich um Hilfe zu bitten. Ist das kein Beweis unseres Glaubens?“
„Nein“, sagte der weise Mann, „wenn ihr wirklich felsenfest an ein Wunder glauben würdet, dann hättet ihr alle einen Regenschirm mitgebracht!“
Auch ertappt gefühlt? Hätten Sie als Teil dieser Dorfgemeinschaft einen Regenschirm mitgenommen?
Glaube ist Vertrauen und Vertrauen ist immer ein Wagnis – weg von sich selbst, hin zu Gott.
Matthias D. Ebinger,
Evangelischer Pfarrer in Kuchen
24.08.25 "Die Tür zum anderen"
„Du hast gesagt ich bin die Tür. Du hast gesagt ich bin die Tür. Ich vertraue deinem Wort. Ich komm zu dir du lässt mich ein. Du bist die Tür zur Freude“ Dies ist die zweite Strophe aus dem Lied: Du hast gesagt, ich bin der Weg. Jesus stellt uns einen Gott der offenen Türen vor. „Gott kommt, um die Völker aller Sprachen zusammenzurufen.“ Heißt es beim Propheten Jesaja. Was für ein wohltuender Gedanke in einer Zeit, wie wir sie gerade erleben. Gott ist für alle Menschen und nicht nur für ein Volk da.“ Freiheit und Offenheit braucht es dafür, sollen die Boten Gottes seine Herrlichkeit kundtun. Im offenen Gedankenaustausch gelingt es ihnen die Herzen der Menschen zu öffnen. Jesus hat alle Menschen eingeladen, durch seine Tür einzutreten, um als Gäste an seinen Tisch zu treten. Weil er unser Bruder ist, sind wir alle eine große geschwisterliche Gemeinschaft.
In der vergangenen Woche hatten wir bei uns zuhause acht junge Menschen zu Gast. Die Hälfte davon aus Sachsen und die anderen aus dem Markgräfler Land. Unsere Enkelkinder haben es sich zur schönen Gewohnheit gemacht, uns mit ihren Freundinnen und Freunden in den Ferien zu besuchen. Von uns aus machen sie dann schöne Ausfahrten in die Umgebung und auch weiter weg. Auch wir Großeltern, kommen dabei nicht zu kurz. Es bleibt genügend Zeit uns miteinander über Gott und die Welt auszutauschen. Für sie war unser „offenes Haus“ beeindruckend wohltuend. Beim Abschied am Bahnhof, bedankten sich unsere jungen Freunde bei uns. Ganz spontan gaben wir ihnen diesen Satz mit auf den Weg: „Dann geh, und handle genauso.“
Oft durfte ich bei meinen ausgedehnten Radreisen diese Gastfreundschaft genießen, durfte Menschen kennenlernen, die genauso handeln. Die mich retteten vor einer Nacht im Freien, indem sie mir eine Schlafmöglichkeit anboten und oft noch sehr viel mehr. Was dazugehört? Vertrauen, ein wenig Mut, zu fragen, loszugehen, immer offen zu sein für das, was kommt. Jesus geht auf die Frage: „sind es nur wenige, die gerettet werden? – gar nicht ein. Die eigene Haltung und der persönliche Einsatz entscheiden über Heil und Unheil, macht er deutlich.
Jesus ist ein Türöffner. Letztlich hat es seinen Kopf gekostet, dass das Reich Gottes allen Menschen ohne Unterschied verkündet hat. Alle Privilegien der sogenannten Frommen und Gesetzestreuen hat er überwunden. Gott, der Vater, ist wie eine Mutter für alle seine Kinder, also für alle Menschen da. Daraus dürfen wir Freude, Kraft und Mut schöpfen, um entschlossen mit vielen anderen, durch die Tür des Lebens und der Freude zu gehen. Dies wünsche ich Ihnen von Herzen.
Josef Putz,
Diakon i.R.
17.08.25 "Besondere Zeiten"
Drei Zeiten ragen aus unserem jährlichen Alltag heraus: Die Weihnachtszeit, die Urlaubszeit und der Geburtstag.
Der Weihnachtszeit mit all seinen Besonderheiten kann oder will man sich kaum entziehen. Urlaub ist oft die Zeit, in der wir aus dem Alltag bewusst aussteigen, Pause und was ganz anderes machen. Geburtstag feiern wir - oder auch nicht. Für viele ein besonderer Tag mit Glückwünschen, Gästen, einem Fest, Geschenken. Eine Zäsur: wieder ein Jahr oder gar Jahrzehnt älter.
Wenn wir diese Alltagsunterbrechung wahrnehmen und gestalten, dann hängen daran auch viele Emotionen, Erwartungen und Besonderheiten - die wir selbst anstoßen oder die gesellschaftliche Tradition sind.
Wir unterbrechen mit diesen besonderen Zeiten den Alltag, besinnen uns auf uns selbst, auf das Leben, auf unseren Glauben, auf Gott. Wir fragen so manches, was im Alltag untergeht. Wir feiern und tun uns und anderen Gutes. Es gibt Geschenke, wir gönnen uns was, wir lassen es uns etwas kosten.
Auch unser Glaube kennt und bietet einige heilsame Unterbrechungen mit all seinen Traditionen und Festen und Segensstationen, wie Taufe, Konfirmation, Trauung, Jubiläen, Trauerfeiern. Wir unterbrechen den Alltagstrott, wir besinnen uns, fragen nach Grund und Sinn, nach Vergangenheit und Zukunft, nach Orientierung und Halt. Wir kommen mit Gott ins Gespräch und begegnen seinem Segen - seiner Zusage, uns zu begleiten, uns Halt, Grund, Maß und Ziel fürs Leben anzubieten. Gott begegnet uns mit seinem Zuspruch und seinem Anspruch.
Das bietet uns auch die kleinste Einheit, das kleine Fest der heilsamen Unterbrechung und der möglichen Gottesbegegnung - der wöchentliche Sonntag. Gut, dass wir ihn haben. Wir sollten ihn schätzen, gestalten und bewahren. Er tut uns gut, er hebt uns über den Alltag hinaus - und bietet uns im Gottesdienst den Raum und die Zeit, Gott zu begegnen, auf ihn zu hören, mit ihm zu reden und mit seinem Segen weiterzugehen.
Ich wünsche Ihnen wohltuende, hilfreiche und segenserfüllte „besondere Zeiten“.
Pfarrer Thomas Harscher
Evangelische Kirchengemeinde Ebersbach/Fils
10.08.25 "Feriengedanken"
Vielleicht haben sie sich während ihres Urlaubes in Kärnten aufgehalten und dort auch eine Kirche besucht. In der Krypta des Domes von Gurk (Kärnten) befindet sich das Grabmal der heiligen Hemma mit einer ganz besonderen Frauenfigur.
Die Statue aus weißem Marmor ist eine Schleierfigur, denn das Gesicht wird von einem Transparent wirkenden Marmor bedeckt. Durch den Schleier kann man deutlich die feinen Züge des Gesichts der Figur mit den geschlossenen Augen wahrnehmen. Man kann sich ganz gut vorstellen, dass die Frau im nächsten Augenblick die Augen aufschlägt und den Betrachtenden anblickt. Ein gegenseitiger Blick von außen nach innen und von innen nach außen, jeweils durch einen Schleier. Während Justitia, die Gerechtigkeit, eine Augenbinde hat, also gesehen wird, aber selbst nicht sehen kann, ist es mit dem Glauben offenbar anders. Der Glaube kann sehen, zumindestdurch einen Schleier, also nicht ganz scharf. Glaubende sind überzeugt von Dingen, die man nicht sieht. Unser ganzes Wissen, das wir gesammelt haben wirft neue Fragen auf, so dass wir wieder zu suchen und zu forschen beginnen.
Im Evangelium von Morgen stellt Jesus seinen Zuhörern drei Gleichnisse vor, die zur Wachsamkeit im Blick auf das unberechenbare Kommen des Herrn aufrufen. Zwei der Gleichnisse richten sich an die christliche Gemeinde, wärend das Dritte sich an den Gemeindeleiter mit seiner Dienerschaft richtet und ihm eine besondere Verantwortung für die Gemeinde auferlegt wird. Nun sind die Gemeinden von damals mit den heutigen Gemeinden nicht vergleichbar. Aber die Sorge um die Gemeinden ist mindestens gleich groß. Während damals der Blick auf die Endzeit gerichtet war und den Glauben mitprägte, sind die Gemeinden von heute einer Erosion ausgesetzt und der Glaube verdunstet immer mehr. Noch befinden wir uns mitten in den Ferien und haben in einer stillen Zeit die Chance die Sinnhaftigkeit unseres Daseins zu bedenken.
Hierbei könnten allegorische Figuren helfen, zu akzeptieren das es mehr im Leben gibt als unbeschwerte Urlaubstage, dass es Dinge in unserem Leben gibt, die wir trotz aller Cleverness nicht hinterfragen können, weil unser Blick wie im Schleier gefangen bleibt. Im Korintherbrief beschreibt der Apostel Paulus eine ähnliche Erfahrung: Wir sehen nämlich jetzt durch einen Spiegel rätselhaft, dann aber von Angesicht zu Angesicht (1 Kor 13,12).
Auch hier ein doppelter Blick: selbst erkennen, aber auch von Gott ganz erkannt werden. Erholsame Tage und inspirierende Erlebnisse mögen dazu beitragen Körper und Geist zu stärken.
Diakon Uwe Bähr,
Bruder Klaus Jebenhausen
03.08.25 "Die wahrhaft Sehende"
Morgen ist für Juden in Israel, bei uns und in aller Welt ein gewichtiger Gedenktag, den fromme Juden fastend begehen. Am morgigen 9. Av, nach jüdischer Zeitrechnung, wird der Zerstörung der Tempel gedacht.
Am 9. Av wurde sowohl der erste Tempel (586 v.Chr) als auch der zweite Tempel (70 n. Chr) zerstört. Außerdem wurde an diesem Tag Betar, die letzte Rückzugsfestung im Bar-Kochba- Aufstand (135 n.Chr) zerstört und damit jüdische Selbstverwaltung im Land für 1813 Jahre beendet. Die Provinz Judäa wurde nach der Niederschlagung des Aufstandes von den römischen Besatzern in „Palästina“ umbenannt. An die Stelle Jerusalems wurde die römische Garnisonsstadt „Aelia Capitolina“ errichtet. Das Zentrum des jüdischen Glaubens sollte vernichtet werden.
Die Kirche, die im 4. Jahrhundert zur staatstragenden Macht aufstieg, sah sich selbst als die von Gott Erwählte an, die an die Stelle des auserwählten Volkes Israel getreten sei. Der Bund Gottes mit Israel, sei nicht mehr in Kraft, sei das „Alte Testament“. In Kirchen wie in Straßburg, Bamberg, Freiburg wurde diese Selbsteinschätzung in Stein gemeißelt. Die Synagoge ist an den Kirchenportalen als Frau mit verbundenen Augen und gebrochenem Stab dargestellt- gegenüber die Kirche als triumphierende, sehende Frau. Mit dieser Sicht, wurde die Kirche seit dem Mittelalter zum treibenden Faktor für Stigmatisierung, Pogrome, Vertreibungen, Plünderungen der Juden.
Erst nach dem 2.Weltkrieg und der Staatsgründung Israels begann in der Kirche ein Umdenken. Es war wie wenn der verblendeten Kirche die Binde von den Augen genommen wurde. Heute lernt jeder Schüler im Religionsunterricht, dass Jesus Jude war und kein Christ, heute bekennen die Kirchen, dass der Bund Gottes mit seinem Volk Israel nicht aufgehoben ist, sondern weiter besteht. Heute gehören jüdische Feste zum christlichen Grundwissen, schon deshalb, weil Jesus mit seinen Jüngern z. B. Pessach feierte, heute gehören in den großen Städten zur Adventszeit Chanukka-Leuchter selbstverständlich dazu. Der 9. Av erinnert uns Christenmenschen, an die Verbrechen, die eine verblendete Kirche an Juden getan hat, der 9. Av ist aber auch ein Hoffnungszeichen. Wir ahnen, dass in Wahrheit die Kirche verblendet war und die Synagoge die wahrhaft Sehende.
Pfarrer Markus Herb
Rechberghausen
Beauftragter für das christlich-jüdische Gespräch
27.07.25 "Wie oft haben Sie schon gebetet?"
Wie oft haben Sie schon gebetet und es hat gefühlt nichts bewirkt? Wie oft haben Sie gesucht und nichts gefunden? Haben Sie angeklopft, aber die Tür hat sich nicht geöffnet?
Das sind Momente, in denen Zweifel aufkommen, Zweifel an Gott und seinen Versprechen. Gerade in diesen Momenten, in denen man Gott am dringendsten braucht, scheint nichts zu passieren oder nicht das, was man sich erbeten hat.
Auch Jesus kennt diese Momente, er teilt dieses Ringen mit Gott. So lehrt er im Evangelium vom Sonntag (Lk 11,1-13) seine Jünger das Beten und vergleicht das Gebet dabei mit der Bitte an einen Freund, der nachts, zu einer Unzeit, kommt und um Brot bittet. Ein Freund bzw. eine Freundin ist jemand, dem bzw. der ich so viel Vertrauen entgegenbringe, dass ich mit jedem Anliegen und auch zu jeder Zeit kommen kann. Jemand, dem bzw. der ich mich offenbare und der bzw. die sich auch mir offenbart. Jemand, der es gut mit mir meint und mich nicht ablehnt oder abwimmelt.
Das Gebet ist, wie auch Teresa von Avila, eine Karmelitin und Kirchenlehrerin aus dem 16. Jh., sagte, ein Gespräch mit einem Freund. Im Gebet vertraue ich mich diesem Freund oder dieser Freundin an – mit meiner Geschichte, meinen Freuden und meinen Stärken, meiner Schwachheit, meiner Schuld oder meinem Versagen.
Gerade in dieser persönlichen Tiefe liegen Verletzlichkeit und aufkommende Zweifel, wenn das Erbetene – wie so oft – nicht eintritt, wenn sich Türen nicht öffnen und man nicht das findet, was man so dringend sucht.
Wer betet, macht diese Erfahrung immer wieder – nicht, weil man die Zweifel und das Ringen mit Gott braucht, sondern weil man trotz allem ein tiefes Vertrauen hat, sich immer wieder an Gott zu wenden. Denken Sie einmal an eine Situation, in der Sie ein größeres Anliegen hatten und es einem Freund oder einer Freundin erzählt haben. Wie ging es Ihnen davor und wie danach? Oft können Probleme im Gespräch nicht direkt gelöst oder offene Fragen nicht beantwortet werden. Doch danach geht es einem oft besser als davor.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich trotz allem Zweifel und Ringen immer wieder vertrauensvoll im Gebet an Gott wende, in der Hoffnung und in einer vertrauensvollen Gewissheit, dass sich etwas verändert - in mir und auch in der Welt.
So geht es mal mir und wie geht es Ihnen damit?
Petra Renz
Pastoralreferentin SE Göppingen
20.07.25 "Was ist richtig? Was ist gut?"
Sie kennen die Frage und die Schwierigkeit der Antwort. Wir machen es uns nicht leicht: Was ist besser? Wenn …, dann. Wenn das …, könnte dann? Könnte etwas passieren, was ich nicht will? Kommt das Gegenteil vom Gewollten heraus? Was kann ich mir gar nicht vorstellen? Was darf auf keinen Fall passieren? Was steht in meiner Macht? Was vom Machbaren kann ich mit meinem Gewissen vereinbaren? Könnte ich, wenn ich etwas nicht tue, verantworten, dass etwas noch Schlimmeres passiert? Muss ich etwas Schlechtes tun, damit Gutes geschieht? Kann ich das? Will ich das?
Schnell schwirrt der Kopf. Schnell können die Fragen konkret werden. So ist es bei den Menschen gewesen, die in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sich diesen Fragen ausgesetzt sahen. 1933, als Adolf Hitler und die Nazis an die Macht kamen, hatten die wenigsten sich Fragen gestellt. War jetzt halt so. Irgendwie wird es gehen. War immer irgendwie gegangen.
Plötzlich ging es anders. Ausgrenzung, Unterdrückung, Verfolgung und Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen. Verhaftungen, Deportationen, Konzentrationslager, Krieg und massenhafter Tod. Augen zu, es nicht sehen wollen, ging nicht mehr.
Schuld daran? Hitler, der Diktator und Verbrecher, seine Helfer und Mitverbrecher. Man selbst auch, hatte weggesehen, sich nicht gewehrt, mitgemacht und davon profitiert. Hing mit drin. Hatte Eide geschworen, war loyal, abhängig und ängstlich.
Christen waren viele von denen, die sich nun Fragen stellten und die Schuld sahen. Was geschah, war Gottes Wille nicht. Ihr Gewissen klagte sie an. Schuldig waren sie. Schuldig würden sie weiter werden, wenn sie nichts tun. Doch was tun und dabei unschuldig bleiben? Was ist richtig? Ist alles falsch? Wieviel Schuld muss ich auf mich nehmen, um größere Schuld zu verhindern?
Antworten fanden sie nicht. Aber ein paar den Mut, etwas zu tun. Am 20. Juli 1944, vor 81 Jahren, wagten sie es, und versuchten, den Diktator zu beseitigen. Erfolglos leider. Sie bezahlten dafür mit dem Leben.
War es richtig, sinnvoll, gut? Fragen, auf die Antworten schwerfallen. Sie nicht zu stellen, solange es Zeit ist, ist falsch. Die damals haben zu spät angefangen, zu fragen.
Vielleicht ist das ihr Vermächtnis, dass wir uns die Fragen nach der Verantwortung vor Gott und den Menschen, für das Gemeinwohl und unser Gewissen rechtzeitig stellen.
Pfarrer Dr. Tobias Kaiser
Ev. Kirchengemeinde Geislingen
13.07.25 "Nächster sein, zum Selberlernen"
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, Evangelium des kommenden Sonntags, ist einer der bekanntesten Texte des Neues Testaments. Würde man herumfragen, worin es darum geht, wäre eine häufige Antwort vermutlich: Es geht um die Frage „Wer ist mein Nächster?“
Das ist richtig, aber nicht alles. Denn die Frage „Wer ist mein Nächster?“ wird eingerahmt von anderen Fragen, die als Musteranleitung für Persönlichkeitsentwicklung gelesen werden können.
Der Gesetzeslehrer fragt als Erstes: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?“ Es geht also ums Handeln: Er fragt, was zu tun ist, und zwar von ihm selbst, und damit ist er schon auf der richtigen Spur. Aber er ist noch nicht am Ziel. Und von seiner Spur wird er erst einmal wieder abkommen. Denn als Jesus mit der Gegenfrage nach den Anweisungen der Tora antwortet, führt der Gesetzeslehrer zwar richtigerweise das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe an. Aber dann fragt er: „Und wer ist mein Nächster?“. Er wechselt, man merkt es kaum, die Blickrichtung von der Handlungsaufforderung an ihn selbst hin zur Beurteilung seiner Umwelt.
Jesus beantwortet diese Frage mit dem Gleichnis des Samariters, der dem überfallenen Mann als einziger hilft. Und dann fragt Jesus: „Wer ist dem zum Nächsten geworden, der von den Räubern überfallen wurde?“ Er dreht die Frage des Gesetzeslehrers „Wer ist für mich der Nächste?“ um in „Wem wirst du zum Nächsten?“ Damit ist er wieder zu der Ausgangsfrage zurückgekehrt, die ja so begann: „Was muss ich (persönlich) tun …?“
Allerdings geht es bei der neuen Frage nun nicht mehr um den persönlichen Gewinn (des ewigen Lebens), sondern um die Übernahme einer sinnvollen Aufgabe im Hinblick auf andere: „Wer ist dem zum Nächsten geworden, der Hilfe brauchte?“
Der Gesetzeslehrer reagiert sofort, die Antwort liegt auf der Hand. Aus dem ziellosen Nachdenken, wer denn nun der Nächste sein könnte, wurde ein produktiver und sinnstiftender Handlungsimpuls.
Vom „Was kann ich für mich tun?“ über „Wer sind die anderen für mich?“ zu „Wer will ich für die anderen sein?“ Das ist eine Veränderung der Fragestellung, die zu einem für beide Seiten lebensfreundlichen Handeln führt.
Wenn das richtige Handeln schwierig ist, hilft es manchmal, sich die Frage, an der man kaut, noch einmal ein bisschen anders zu stellen. Die Wendung des Blicks hin zu unserer Aufgabe führt zu einer klaren Antwort und man hat sich selbst „gecoacht“: „Nächster sein“ zum Selberlernen.
Dr. Frank Suppanz,
Kath. Erwachsenenbildung Kreis Göppingen e.V.
06.07.25 "Tag des Kusses!"
Morgen am 6. Juli ist der „Internationale Tag des Kusses!“ Also gilt: Küsst euch. Küssen ist gesund. Küssen verbraucht Kalorien. Adrenalin und Glückshormone werden ausgeschüttet. Menschen, die geküsst zur Arbeit gehen, gehen entspannter und erfolgreicher in den Tag. Interessanter Nebenaspekt: Küssen ist kulturell unterschiedlich. In Südeuropa küsst man anders als in Nordeuropa und in anderen Erdteilen.
Auch in der Bibel wird geküsst. Da gibt es den Liebeskuss, den Begrüßungskuss und den Handkuss. Es gibt aber auch andere Küsse. Einmal küsst eine Frau die Füße Jesu. Damit zeigt sie ihm ihre Dankbarkeit, weil er ihr Gottes Vergebung verkündet. Beim Apostel Paulus begegnet noch ein weiterer Kuss. Er schreibt seiner Gemeinde: „Grüßt einander mit dem heiligen Kuss!“.
Was sollen wir davon halten? Das ist doch etwas zu viel verlangt. Es ist schon viel, dass man sich beim Abendmahl die Hände reicht. Auf gar keinen Fall eine Umarmung und schon gar keinen Kuss. Der setzt ja auch voraus, dass ihn beide Seiten wollen. Und vor allem, dass ein gewisses Maß an Vertrautheit herrscht.
Der Schlagersänger Max Raabe singt: „Küssen kann man nicht alleine.“ Der Kuss ist immer ein Zeichen der Gemeinschaft, der Beziehung. Wenn Paulus die Christen auf den „Heiligen Kuss“ verweist, dann meint er: Sich freuen und Frieden halten – alles das geht nicht alleine! Menschen brauchen sich gegenseitig. Und Frieden halten geht nur, wenn sie eines Sinnes sind. Menschliche Nähe und Zärtlichkeit und Liebe wiederum können ein Bild sein für Gott. Gott, der sich uns Menschen zuwendet und der als Ausdruck seiner Liebe Mensch wurde. Der Kuss der Gemeinschaft sagt uns, dass wir Menschen auf lange Sicht nur überleben, wenn uns Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit verbinden. Falsche Küsse – wie der Judaskuss, mit dem Judas Jesus verrät - seien ferne von uns. Verstehen wir „Kuss“ als Synonym für heilsame Nähe und freundliche Annäherung, dann ist das ein Medikament gegen Aggression, Gewalt und Lieblosigkeit. Und das brauchen wir dringend in unserer Welt. An allen Ecken und Enden. Wichtig ist, dass wir uns mit Gott sowie auch untereinander verbunden wissen und dass wir uns das auch zeigen – natürlich auf je angemessene Weise. Küssen kann man jedenfalls nicht alleine, und Christ sein auch nicht.
Carola Kittel
Ev. Pfarrerin
29.06.25 "Wer oder was leitet eigentlich mein Leben?"
„Folge mir nach“ – mit diesen Worten ruft Jesus den Fischer Petrus in die Nachfolge. Drei schlichte Silben, die eine Lebenswende einleiten. Drei Silben, die bis heute wirken.
Denn: Jeder Mensch folgt im Leben etwas oder jemandem. Wir orientieren uns an dem, was gerade zählt – Meinungen im Netz, Trends in Gesprächen, Erwartungen im Umfeld.
Viele Menschen orientieren sich am eigenen Bedürfnis nach Sicherheit, nach Anerkennung oder nach einem bequemen Leben. Alles dreht sich ums eigene Ich.
Andere lassen sich von Menschen leiten: einer Freundin, einem Influencer, einem Vorbild. Das kann gut sein, aber nur dann, wenn sich das Vorbild selbst am Guten orientiert.
Darum lohnt sich die Frage: Wer oder was gibt in meinem Leben die Richtung vor? Woran oder an wem richte ich mein Leben aus?
Doch es geht – anders, als heute oft betont wird – nicht darum, sich selbst beliebig zu definieren, also zu meinen, man könne sich einfach aussuchen, was man sein will, zum Beispiel Mann oder Frau, sondern darum, das zu entdecken, wofür man geschaffen ist.
Der beste Weg herauszufinden, wer wir sind und was wir tun sollen, ist es, sich an dem zu orientieren, der uns Menschen gemacht hat.
So wie ein Fisch fürs Wasser gemacht ist und dann erst wirklich Fisch sein kann, wenn er im Wasser schwimmt, so ist es auch bei uns Menschen.
Wofür wir geschaffen sind, sehen wir am Menschen Jesus. Er ist wahrer Mensch. Er lebte für andere, kümmerte sich um Schwache, … kurz: Er liebte!
Folgen wir ihm nach.
Josef Priel
Gemeindereferent Deggingen Bad Ditzenbach
22.06.25 "Es ist sehr wertvoll, einen Ort zum Trauern zu haben"
Kürzlich waren wir Pfarrerinnen und Pfarrer vom Kirchenbezirk Geislingen-Göppingen bei der Firma Strassacker in Süßen eingeladen. Ab und zu schauen wir uns Betriebe an, um einen Einblick in die Arbeitswelt der Gemeindeglieder zu bekommen. Der Besuch bei der Kunstgießerei Strassacker war insofern besonders interessant, weil sich ein wichtiger Arbeitsbereich der Firma mit dem von uns Pfarrerinnen und Pfarrern überschneidet, und das ist die Tätigkeit auf dem Friedhof. Die Firma Strassacker fertigt Symbole und Ritualelemente für eine besondere Erinnerungskultur, hauptsächlich für Friedhöfe, an und wir Pfarrerinnen und Pfarrer sind natürlich kraft Amtes bei Trauerfeiern auf den Friedhöfen. Es kam zu einem sehr interessanten Erfahrungsaustausch. Zunächst haben wir bestätigt, dass auch wir immer wieder zu hören bekommen, dass niemand gerne möchte, die Angehörigen dereinst einmal mit einer Grabpflege zur Last zu fallen, zumal Kinder und Verwandte nicht mehr, wie früher, selbstverständlich am gleichen Ort wohnen. Das andere ist, dass wir, wenn wir so nachdenken, in der Regel der Meinung sind, dass wir den Friedhof als Ort des Abschieds gar nicht brauchen. Wir haben doch Bilder und vielleicht besondere Gegenstände der verstorbenen Personen, die, so denken wir zunächst, ausreichen, als Möglichkeit, um uns an unsere Lieben zu erinnern und ihrer zu gedenken. Deshalb geht der Trend bei Bestattungen eindeutig zu Urnengräbern, ob mit Grabplatten oder im Friedwald, oder zu Rasengräbern, eben zu solchen Gräbern, die keiner Pflege bedürfen und wo eigentlich gar kein Blumenschmuck oder Ablegen von anderen Gegenständen vorgesehen, sogar verboten, ist. Und die Angehörigen unterschreiben auch diese für sie, so denken sie, gute Regelung. Nun ist aber erstaunlich, dass, wenn man dann die Gräber auf den Friedhöfen betrachtet, die allermeisten doch ganz persönlich geschmückt sind, mit einer Blume, einem Herz, einem Stein, einem Erinnerungsstück… Es macht deutlich, dass es doch sehr wertvoll und wichtig ist, einen Ort zu haben, an dem wir trauern und uns erinnern können, ein Ort, der uns hilft, in irgendeiner Weise mit dem oder der Verstorbenen in Verbindung treten zu können und auch einen persönlichen Gruß zu hinterlassen. Und wir Christen wissen ja auch, dass die Toten nicht einfach weg sind und im Nichts verschwinden, sondern dass sie natürlich noch da sind, allerdings nicht in dieser irdischen Welt, sondern in Gottes himmlischen Reich. Es tut einfach gut und es ist so wertvoll für unsere Trauer und unseren Schmerz, wenn wir vor Ort am Friedhof erleben dürfen, dass wir nicht einfach gänzlich abgeschnitten sind von unseren Lieben, sondern dass wir sie gut aufgehoben wissen können und wir eine Beziehung zu ihnen durchaus aufrechterhalten können. Also: es ist und bleibt wichtig, einen Ort des Abschiednehmens auf einem Friedhof zu haben, an dem wir auch den Namen des oder der Verstorbenen lesen können und an dem wir unserer Trauer Raum geben und uns bewusst unserer Lieben erinnern können. Ja, das ist wertvoll, weil unsere Lieben nicht einfach weg sind, ein für alle Mal ausgelöscht, sondern sie sind da, nur in anderer Weise, nämlich geborgen in Gottes Herrlichkeit. Das dürfen wir so auf dem Friedhof erleben. Wie hat es mein Vater am Todestag meiner Mutter ausgedrückt? „Das Grab ist nicht der Ort des Todes, sondern der Ort der bleibenden Gegenwart des geliebten Menschen.“ Und so können wir dann getröstet in unseren Alltag zurückkehren.
Tobias Schart,
Ev. Pfarrer Bad Boll
15.06.25 "Eine Denksportaufgabe zum Dreifaltigkeitssonntag"
Als Kind habe ich immer wieder versucht, herauszufinden, wie Dinge funktionieren. Da fällt mir der Wecker meiner Mutter ein. Es war nicht einfach, die kleinen Schräubchen aufzudrehen, um zu sehen, was sich hinter dem Gehäuse befindet. All die kleinen Zahnrädchen faszinierten mich. Doch zerlegt in unzählbar viele Teilchen funktionierte der Wecker nicht mehr...
Nicht nur Kinder sind neugierig. Auch Erwachsene wollen Dingen auf den Grund gehen. Wenn dies verantwortungsvoll geschieht, bringt die Wissenschaft Gutes hervor, das Mensch und Natur schützt und bewahrt.
Unsere menschliche Neugier schränkt sich nicht auf naturwissenschaftliche Phänomene ein. Auch die Frage nach Gott tut sich auf. Können wir Menschen Gott überhaupt begreifen? Oder ist all mein Reden mit und über Gott zum Scheitern verurteilt, weil wir weder seine Existenz, noch seine Nicht-Existenz beweisen können?
Wer sich auf die Suche macht, kann Gotteserfahrungen machen. Und wenn viele Menschen über ähnliche Erfahrungen berichten, entsteht eine Glaubensgemeinschaft. Schon zweitausend Jahre gibt eine Generation der nächsten einen großen Schatz an christlichen Erfahrungen weiter. Und jede neue Generation stellt kritische Fragen: Macht das Sinn, was die Alten uns überliefert haben? Im Blick auf die Dreifaltigkeit Gottes ist das besonders spannend: Wie kann ich vernünftigerweise an EINEN Gott in DREI Personen – Vater, Sohn und Heiliger Geist – glauben?
Schon zur Zeit Jesu gab es die einen, die in ihm Gott selbst erkannten, der Menschen heilt, Leben rettet, den Tod besiegt, während andere ihn als Verbrecher verurteilten, der sich anmaßte, Gottes Sohn zu sein. Und auch das Wirken des Heiligen Geistes wurde für manche erfahrbar: Gottes Kraft, die Mutlosigkeit und Ängstlichkeit hinwegbläst, Totes zu neuem Leben erweckt. Lange wurde um Glaubenswahrheiten gerungen und schließlich auf den Konzilen in Nicäa und Konstantinopel ein gemeinsames Bekenntnis formuliert: Wir glauben an einen Gott in drei Personen: Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Gott hält unsere Neugier und unsere Fragen aus. Er lässt sich nicht zerlegen wie der Wecker meiner Mutter. Als Glaubende darf ich kritisch und suchend sein. Mein Hinterfragen zerstört nicht meinen Glauben – wie manche fälschlicherweise meinen – vielmehr vertieft es meine Beziehung zu Gott. Er bleibt unbegreiflich und macht sich doch erfahrbar. Das ist seine Einladung an uns, zu einer großen, lebenslänglichen Glaubensexpedition aufzubrechen.
Agnes Steinacker-Hessling, Pastoralreferentin
Katholisches Dekanat Göppingen-Geislingen
08.06.25 "Pfingsten – Wind of Change"
Anfang der 90er Jahre wurde der Song „Wind of Change“ von den „Scorpions“ zur Hymne der Wende in Deutschland. Der Sänger Klaus Meine hatte die Idee zu dem Song bei einem Aufenthalt in Moskau 1989, als in der Sowjetunion mit Michail Gorbatschow das Ende des Kalten Krieges begann:
„The future′s in the air, I can feel it everywhere, I’m blowing with the wind of change.“ – Die Zukunft liegt in der Luft, ich kann sie fühlen, überall, ich wehe mit dem Wind der Veränderung.
„Da weht bald ein anderer Wind!“ So hat meine Oma manchmal gesagt, und das war durchaus drohend gemeint: In der Schule, da weht ein anderer Wind. Das ist kein laues Lüftchen wie im Kindergarten, da zählen Leistung, Arbeit, Ordnung und Disziplin!
Heute weht auch ein anderer Wind, nicht mehr ein Wind der friedlichen Zukunft. Wörter wie Kriegstüchtigkeit und Aufrüstung kriechen wieder aus den Ecken und bestimmen die Diskussionen. Die Welt hat sich verändert, aber anders als wir es in den 90er Jahren erwartet und erhofft haben. Statt Annäherung herrschen wieder Abgrenzung, Machtkampf und Egoismus.
Am Sonntag feiern wir Pfingsten, auch da weht ein neuer Wind. In der Pfingstgeschichte heißt es: „Als das Pfingstfest kam, waren wieder alle zusammen, die zu Jesus gehörten. Plötzlich kam vom Himmel her ein Rauschen wie von einem starken Wind. Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten. … Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt.“ Ein „wind of change“ war Gottes Geist damals: Die Jüngerinnen und Jünger blieben nicht länger für sich, sondern gingen hinaus zu den Menschen und erzählten von dem, was sie verändert hat, von Jesus und vom neuen Leben. Da wehte durch die Straßen Jerusalems der Geist der Verständigung – die frohe Botschaft galt allen und verband alle, woher sie auch kamen.
Veränderungen gibt es in diesen Zeiten genug, in der Welt, in der Kirche, in den Gemeinden. Vieles davon macht uns Angst, Arbeit oder Ärger. Doch wir lassen uns an Pfingsten Gottes Geist um die Nase wehen, den „wind of change“, der uns Mut macht und beflügelt, der uns Veränderungen gemeinsam angehen und gestalten lässt. Möge er Menschen auf der ganzen Welt ergreifen!
Helga Striebel
Ev. Pfarrerin
29.05.25 "Weißt du, wo der Himmel ist?"
Der Himmel ist, wo die Wolken ziehen. Kinder malen ihn meist strahlend blau. Der Himmel ist, wo in der Nacht die Sterne funkeln. - Ist das also der Himmel, wo Gott ist?
Wir denken, dass die „Alten“ sich das so vorgestellt haben. Als man noch nicht wusste, dass der blaue Himmel nur die Atmosphäre ist, die sich um den Erdball spannt, da meinte man: Dort oben wohnt Gott. Als man noch nicht wusste, dass das Weltall ein unendlicher Raum ist, da meinte man: Das Sternenlicht kommt aus der himmlischen Sphäre jenseits des Firmaments.
Wenn das so ist, haben wir heute den Himmel verloren. Dann gibt es nichts mehr, was unsere Welt umrahmt. Dann gibt es nichts mehr über unserer Erde. Dann hat Gott keinen Platz mehr auf der Welt.
Aber ob die Vorstellung der „Alten“ wirklich so naiv war? „Der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen“, lese ich im Alten Testament. Die wussten doch damals schon, dass Gott unsere Welt weit übersteigt und dass Gott nicht einfach da oben in der Höhe thront. Er ist ja auch nicht nur unendlich weit über uns. Menschen haben Gott immer schon auch als nah und vertraut erfahren.
Zwei Bilder aus einer Kinderbibel helfen mir: Die Himmelfahrtsgeschichte. Die Jünger stehen mit Jesus vor einem weiten blauen Himmel. Auf dem zweiten Bild ist Jesus weg. Er ist zu Gott gegangen, in den Himmel. Wo vorher Jesus stand, ist nun blauer Himmel. Oder sagen wir: die Luft.
Ich stelle mir Gottes Himmel so vor wie die Luft, die uns umgibt und die uns durchdringt. Immer und überall ist Gott: Im Himmel und ganz nah bei mir. Ich sage gerne: Gottes Himmel ist „hinter“ unserer Welt. Er rahmt sie und trägt sie. Mein kleines Leben und die ganze Welt sind von Gottes Himmel umspannt. Wir können nicht herausfallen.
Und dort ist Jesus bei seiner Himmelfahrt hingegangen: in Gottes Welt. Und von da aus ist er nun für uns da: immer und überall.
Frank Widmann
Evangelischer Pfarrer in Uhingen
25.05.25 "Abschied und Anfang"
Das Evangelium des morgigen Sonntags führt uns in den Abendmahlssaal. Eine unsichere Situation, weil Jesus seine erste Abschiedsrede hält. Er kündigt an, dass er gehen wird und, zurück bleiben die Jünger, die sich fragen wie die Zukunft sein wird. Abschiede sind auch Teile in unserem Leben. So geht z. B. ein Kollege in den Ruhestand. Was kann man ihm als Abschiedsgeschenk geben, das ihn an die Zeit des Arbeitslebens erinnern soll. Oder Abschiede, die zwangsläufig sind, wenn man vom Wohnort an den Studienort wechselt. Ungewohntes will bewältigt werden. So auch die Jünger. In ihre Unsicherheit offeriert Jesus einen Beistand, den Heiligen Geist, den der Vater den seinen senden wird. Zugleich werden die zurückbleibenden alles lehren und erinnern, was er ihnen gesagt hat. Auch wenn die Welt ihn nicht mehr sieht, so ist er doch mit ihnen verbunden.
Das alles enthält in seinem Wort - der frohen Botschaft -, was da alles damit gemeint ist in diesem österlichen "Der Friede sei mit euch!" - das wird in seinem ganzen Umfang erst offenbar in der Summe der Zeit zwischen dem Fortgehen Jesu und dem Ende der Geschichte - also jetzt und jeden Tag mehr. Dennoch: Jesus verheißt uns Frieden. "Der Herr hat zu seinen Aposteln gesagt: Frieden hinterlass ich euch, meinen Frieden gebe ich euch!" So betet der Priester in der Liturgie. Anschließend wird in vielen Gemeinden der Friedensgruß geschenkt. Selbstverständlich soll der kein Streithansel sein, der im Gottesdienst anderen den Friedensgruß schenkt. Doch bei den Worten Jesu merke ich, dass es hier um einen tieferen Frieden geht. Es geht um mehr als um einen Waffenstillstand, eine Abwesenheit vom Krieg. Einen irdischen Frieden, der alle Kriege und Bedrohungen ausschließt, schenkt Jesus nicht. Der Friede Christi wirkt innerlich und schenkt Ruhe und Vertrauen durch die Verbundenheit mit Gott. Frieden - das hat sehr viel zu tun mit „Eins-sein“. Das zu suchen wird immer unsere Aufgabe sein. Wir leben unseren Glauben ja nicht in einem zeitlosen Raum, wir leben ihn in unserer Welt, in unserer konkreten Situation, in dieser Zeit. Auch unsere Zeit möchte Antworten bekommen auf die Fragen, möchte Antworten bekommen für ein gelingendes Leben.
Diakon Uwe Bähr
Bruder Klaus Jebenhausen
11.05.25 "Gedanken zum 4. Sonntag nach Ostern"
Liebe Leserinnen und Leser,
Maifeiertag vergangene Woche. Mitglieder der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung, gemeinsam mit dem Netzwerk Arbeitswelt, stehen wie jedes Jahr, zusammen mit vielen Menschen bei der Demo auf dem Schillerplatz in Göppingen. „Mach dich stark mit uns für eine gerechte Arbeitswelt.“
„Will man alles, was die Bibel über Gott und Mensch zu sagen hat, mit einem einzigen Wort zusammenfassen, so kommt allein der Begriff der Gerechtigkeit in Frage“ sagt der Theologe Frank Crüsemann. Dahin gehen meine Gedanken zurück, wenn ich auf die Texte zu diesem 4. Sonntag in der Osterzeit schaue. Auch Paulus und Barnabas demonstrieren. Sie wissen sich gesendet in der Sache Jesu, des Gerechten.
Manchmal muss jemand von außen kommen, um uns wieder zu verinnerlichen.
Diese zwei wollen verinnerlichen. Der Glaube, der sich nur mehr in Äußerlichkeiten zeigte, hatte sein wichtigstes Erkennungszeichen verloren. In ihre Art zu leben, hatte sich die Blutspur der Ungerechtigkeit eingeschlichen. Die Glut des Anfangs? Nur noch Asche. Innere Überzeugung, durch Gesetze und Vorschriften ersetzt.
Und jetzt kommen diese zwei und sagen plötzlich, dass alles anders sein sollte. Ja war denn früher alles falsch? - Aber es war doch gar nichts Neues!
Von Anfang an hatte Gott nichts anderes mit den Menschen vor. Von Anfang an hatte er die Dinge so betont. Jesus, ihr Vorbild, lebte danach und erinnerte die Menschen daran, gemäß den Heiligen Schriften seines Volkes zu leben. Liebt Gott und liebt euren Nächsten und steht zueinander. Und achtet auf die Not der Elenden und Bedrückten. Nie hatte Gott anderes gesagt, anderes gewollt, anderes den Menschen ans Herz gelegt. Von dieser Grundausrichtung wichen die Menschen zu allen Zeiten ab. Auf Jubeln und Jauchzen, folgte kurze Zeit danach, das „kreuzige ihn“.
So bleibt es eine Notwendigkeit auch für unsere Zeit und ja, auch in der Kirche immer wieder den Kurs zu korrigieren, immer wieder drauf zu schauen: Ist es das, was Gott von uns haben will, oder müssen wir uns wieder neu auf das Wesentliche, das Ursprüngliche besinnen?
Dazu schenkt uns Gott immer wieder mutige Frauen und Männer, die uns dabei helfen. Und nicht wenigen ist es so ergangen wie Paulus und Barnabas.
Es gilt zu jeder Zeit und egal in welchem Alter sich aufzumachen, und immer wieder neu zu beginnen - nicht auf den Wegen der Gewohnheit, sondern auf den Wegen, die Gott uns weist, zu gehen. So machen es uns die Jünger aus der Apostelgeschichte vor und wir sollten es ihnen gleichtun.
Es hilft nicht, zu sagen, dass wir dies oder jenes, schon immer so gemacht hätten, sondern freuen wir uns darüber, wenn uns Gottes Geist wieder neu die Richtung weist. Und folgen wir ihm. Denn nicht unser Brauchtum, auch nicht unsere Praxis, nicht einmal unsere Regeln und Ordnungen - allein er, gibt uns das ewige Leben, hören wir von Jesus im Evangelium. Amen. Eine gesegnete Zeit für Sie.
Josef Putz
Diakon im Zivilberuf
27.04.25 "(Nicht nur) den Finger in die Wunde legen"
Ich bin sehr froh, dass der „ungläubige“ Thomas im Evangelium dieses Sonntags bei Jesus Verständnis findet. Als er nicht glauben will, dass der Auferstandene den anderen Jüngerinnen und Jüngern erschienen ist, da erscheint Jesus einfach noch einmal und gibt Thomas die Chance, die Wundmale zu berühren und sich zu überzeugen.
Ich nenne Thomas lieber „skeptisch“ als „ungläubig“. Darin steckt das griechische Wort für „betrachten, untersuchen“ (sképtomai). Skeptisch ist eine Person, die etwas nicht einfach glauben, sondern selber sehen will. – Ja, das blinde Vertrauen, das Jesus von Thomas eigentlich erwartet, ist die hohe Kunst des Glaubens. Aber in der heutigen krisengeschüttelten Zeit hilft uns schon die Haltung des Thomas weiter.
Denn wir kämpfen mit zwei Formen von Realitätsverzerrung, die aktuell im Übermaß vorherrschen und uns das Leben schwer machen. Da ist die „Normalitätsverzerrung“, die z.B. bei Katastrophen wirksam wird. Wir tun dann einfach so, als sei alles weitgehend normal und machen weiter wie bisher. Dieser Mechanismus hilft, Überreaktionen und Panik zu vermeiden, also einen kühlen Kopf zu bewahren. Aber wenn er z.B. dazu führt, dass wir die katastrophalen Folgen der Klimakrise nicht sehen wollen, ist er kontraproduktiv, weil er verhindert, dass wir angemessen reagieren.
Der andere Mechanismus ist die „Negativitätsverzerrung“. Er bewirkt, dass wir uns negative Erlebnisse oder Kritik besser merken als positive Dinge. Auch das kann nützlich sein, weil es uns hilft, Probleme zu identifizieren und uns zu verbessern. Aber wenn zu viel Frust führt dazu, dass wir uns von den anderen abkoppeln und sie nur noch negativ sehen, dann finden wir keine gemeinsamen Lösungen mehr und die Gesellschaft zerfällt.
Thomas steht vor keiner Ökokrise und kämpft nicht mit Politikfrust, sondern fragt sich, ob er etwas Unwahrscheinliches glauben soll. Dennoch kann seine Haltung uns helfen, nicht in „Verzerrungsfallen“ zu tappen:
Thomas will den Finger in die Wunde legen, sich die Sache genau anschauen, die Wirklichkeit nicht ungeprüft schönreden. Schon mal gut. Aber dabei bleibt er nicht stehen: Als er sich überzeugt hat, geht er in die Nahbeziehung zu Jesus und sagt: „Mein Herr und mein Gott!“. Er verharrt nicht in einem skeptischen Schneckenhaus. Indem er sich mit Jesus wieder verbindet, kann seine Geschichte mit ihm weitergehen, wird Entwicklung möglich. Er ist ein nahbarer Skeptiker.
Skeptisch sein und nahbar bleiben statt Augen verschließen und sich abschotten: Das würde uns aktuell bei manchem Problem weiterhelfen. Die gute Nachricht: Das kann man in jedem Alter noch lernen. Und Tag für Tag einüben.
Dr. Frank Suppanz,
Kath. Erwachsenenbildung Kreis Göppingen e.V.
20.04.25 "Ostern"
Auf eines freue ich mich jedes Jahr an Ostern besonders: Auf das Schmücken meines Osterstraußes. Kurz vor Ostern suche ich mir ein paar Zweige und stelle sie in eine Vase. Dann hole ich die Schachteln mit dem Osterschmuck aus dem Schrank. Darin sind viele schöne und bunte Dinge zum Aufhängen. Sie erinnern mich an Kinder, die sie gebastelt, oder an andere, die sie mir als Geschenk mitgebracht haben.
So ist das an Ostern: Wir beschenken einander oder schreiben einander Ostergrüße, weil wir an Ostern etwas ganz Wichtiges geschenkt bekommen: Die Hoffnung auf das neue Leben nach dem Tod durch Jesu Auferstehung.
Das beschreibt auch schön ein Lied aus unserem Gesangbuch. Es steht unter der Nr. 116 und die erste Strophe lautet:
Er ist erstanden, Halleluja.
Freut euch und singet, Halleluja.
Denn unser Heiland hat triumphiert,
all seine Feind gefangen er führt.
Lasst uns lobsingen vor unserem Gott,
der uns erlöst hat vom ewigen Tod.
Sünd ist vergeben, Halleluja!
Jesus bringt Leben, Halleluja!
Besonders wichtig ist die letzte Zeile, die Menschen in dunklen Zeiten ermutigen kann: „Jesus bringt Leben“.
Warum können diese Worte ermutigen? – Sie können uns ermutigen, weil sie uns an Jesus erinnern und daran, wovon und womit er lebte. Er lebte von seinem tiefen Gottvertrauen, das ihm sagte: Ich muss Gott nicht komplett verstehen, um ihm zu vertrauen, dass er es gut mit mir meint. Indem Jesus davon lebte, lebte er zugleich mit einer großen Zugewandtheit zu Menschen – auch in den dunklen Stunden vor seinem Tod. Er blieb den Menschen, sogar den Peinigern, zugewandt. Er verdammte sie nicht; er übersah auch im Schmerz nicht die Menschen, die ihm nahe blieben. Kurz gesagt: Jesus setzte sich für das Leben ein, so gut es noch ging und solange es ging. Das ermutigte ihn selbst; das könnte uns ermutigen.
„Jesus bringt Leben, Halleluja!“ An Ostern wird deutlich: Die Kraft Gottes hat Macht. Sogar Macht über den Tod. Das erfahren alle, die sich nach Jesu Tod in ihr Haus zurückziehen und denken: Alles ist aus, alles war vergebens. Nach drei Tagen verstehen sie: Nichts ist aus; nichts war vergebens. Im Gegenteil. Es geht jetzt erst richtig los mit der unerschütterlichen Zugewandtheit Gottes zu all seinen Geschöpfen. Jetzt wissen sie und wir, dass Jesus Leben bringt, auch uns Leben bringt und bringen wird auch nach diesem Leben hier auf der Erde. Setzen wir uns also für das Leben ein, solange es geht. Keine Tat für das Leben, auch die kleinste nicht, ist umsonst oder vergebens. Im Gegenteil. Jede Zugewandtheit, auch die kleinste, wird uns stärken, und unser Leben reich machen und uns einen Vorgeschmack geben, auf das, was noch kommt.
Julia Glock
Pfarramt Lutherkirche
13.04.25 „Jesus zieht in Jerusalem ein“
Ein Lied, das meine Grundschüler:innen äußerst gerne singen ist „Jesus zieht in Jerusalem ein“ von Gottfried Neubert. Es hat Ohrwurmcharakter und erzählt die Geschichte von Palmsonntag:
1) Jesus zieht in Jerusalem ein, Hosianna!
Alle Leute fangen auf der Straße an zu schrein:
Kehrvers: Hosianna, Hosianna, Hosianna in der Höh!
Hosianna, Hosianna, Hosianna in der Höh!
2) Jesus zieht in Jerusalem ein, Hosianna!
Seht, er kommt geritten auf dem Esel sitzt der Herr. Kehrvers
Unter großem Jubel zieht Jesus in Jerusalem ein; das feiern Christinnen und Christen an Palmsonntag. Die Menschen damals sangen Loblieder und freuten sich, dass ihr Retter nach Jerusalem zum Passa-Fest kommt. Doch Jesus kommt schon anders als gedacht – auf einem Esel, nicht hoch zu Ross wie es einem König zustehen würde.
3) Jesus zieht in Jerusalem ein, Hosianna!
Kommt und legt ihm Zweige von den Bäumen auf den Weg! Kehrvers
4) Jesus zieht in Jerusalem ein, Hosianna!
Kommt und breitet Kleider auf der Straße vor ihm aus! Kehrvers
Die Menschen legen ihm Palmzweige und Kleider auf den Boden, einem König gleich wird Jesus empfangen. Die Menschen hoffen auf den Retter, hoffen auf den Messias; hoffen darauf, dass Jesus die Römer aus dem Land wirft, die die Menschen unterdrücken.
5) Jesus zieht in Jerusalem ein, Hosianna!
Alle Leute rufen laut und loben Gott den Herrn! Kehrvers
Die Menschen singen und loben Gott. Sie hoffen und freuen sich.
6) Jesus zieht in Jerusalem ein, Hosianna!
Kommt und lasst uns bitten, statt das "Kreuzige" zu schrein
Doch wenige Tage später rufen Menschen: Kreuzige ihn! Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche, die Woche vor Ostern, in der besonders an Jesu Leidensgeschichte gedacht wird. Jesus wird nur kurz nach diesem freudigen Empfang verurteilt und stirbt nach schwerer Folter einen Schwerverbrechertod.
Schluss-Kehrvers: Komm, Herr Jesus, komm, Herr Jesus, komm, Herr Jesus, auch zu uns.
Komm, Herr Jesus, komm, Herr Jesus, komm, Herr Jesus, auch zu uns.
Und das Lied endet mit einem besonderen Kehrvers. Eine Bitte für uns im Hier und Jetzt. Jesus möge auch bei uns einkehren, zu uns kommen.
Freya Pirk
Geschäftsführende Pfarrerin der Evangelischen Verbundkirchengemeinde Schurwald
06.04.25 Unter freiem Himmel
Es ist die Sonne, die angenehm warme Luft, das junge Grün der Pflanzen, Sträucher und Bäume und die Sehnsucht, die uns im Frühling vor die Tür lockt. Die Monate des Winters waren lang und meist waren wir geborgen in unseren Häusern und warmen Räumen während der kalten und nassen Tage, nun treibt es uns hinaus ins Freie. Die einen sorgen sich um die Pflanzen im eigenen Garten, die Frühlingsboten, die mit ihren zarten Farben das Leben in die Gärten malen. Andere ziehen ihre Wanderschuhe an und machen sich auf den Weg das Erwachen der Natur nicht zu versäumen und wieder andere treffen sich mit Freunden, um in der Sonne mit Eis und Kaffee das Leben zu genießen.
Und überall, so scheint es mir, als hörte ich ein tiefes Aufatmen. Das Leben ist zurück. Eigentlich war es in den vergangenen Monaten nicht verschwunden, nur verborgen in vielfacher Weise. Jetzt zeigt es sich wieder, das Leben „unter freiem Himmel“. Jetzt treten wir hinaus, hier bin ich „unter freiem Himmel“. Ja, ein Stück Freiheit und ein Stück Himmel steckt da drin in meiner Sehnsucht nach Leben. Freiheit, die mich hinausführt aus der Enge in die Weite. „Du führst mich hinaus in Weite“ höre ich im Psalm 18, hinaus ins Weite, weil Enge Leben bedroht. Und Himmel, der Ort und Raum für die Begegnung mit Gott. „Vater unser im Himmel“, das Gebet, das mich seit Kindertagen begleitet. Da ist Himmel sicher nicht gedacht, als der Himmel über uns, sondern als der Himmel, der unser ganzes Leben umspannt und in dem wir behütet sind, weil Gott mit uns ist.
„Unter freiem Himmel“ – findet meine Sehnsucht nach Leben, nach Begegnung, nach Gott Raum. Beim Sport im Freien bin ich lebendig und der Ausblick vom Berg, zeigt mir das weite Land. Bei den vielen Festen im Freien treffe ich Menschen und erlebe Gemeinschaft und der achtsamen Blick in die Natur lässt mich die kleinen und großen Wunder entdecken. Die Morgenfrische und die Abendstille sind besondere Zeiten, um auf mein Inneres zu hören. Manchmal streift mich dabei eine tiefe Dankbarkeit für all das, was mir geschenkt ist, an Leben.
„Unter freiem Himmel“ – laden wir Sie ein unterwegs zu sein, mitzugehen und mitzufeiern bei über 75 Angeboten der katholischen Kirchengemeinden im Landkreis Göppingen. An vielen besonderen Orten und Plätzen im Landkreis und zu ganz unterschiedlichen Anlässen finden Gottesdienste im Freien, Feste und Pilgerwege, Segnungen und Andachten statt. Sie finden die Angebote auf der Homepage des katholischen Dekanats, dekanat-gp-gs.drs.de/inspiration-glaube/unter-freiem-himmel.html. Vielleicht passt eines der Angebote für Sie, wenn Sie unterwegs sind „Unter freiem Himmel“.
Dekanatsreferentin Simone Jäger
23.03.25 „Freu dich!“
Verdutzt höre ich, wie das der morgige Sonntag zu mir sagt: „Freu dich!“, Laetare, so heißt er nach dem Beginn eines der Abschnitte aus der Bibel, die an diesem Tag in den katholischen und in den evangelischen Kirchen im Gottesdienst gelesen werden (Jesaja 66, 10).
„Freu dich!“. Mein rebellisches Herz sagt dazu zweierlei: Erstens – ich lass mir nicht gerne was befehlen. Schon gar keine Emotion. Ich bin schließlich selber groß, und ob ich mich freue, entscheide ich immer noch selbst. Und zweitens – ach ja, du Sonntag du, du hast gut reden, du weißt ja nicht, wie das Leben grad so ist und wie es mir geht. Ganz zu schweigen von den vielen anderen auf dieser ganzen Welt oder gar der Welt selbst. Puh. Fragst du denn nicht danach?
„Freu dich!“ Der Sonntag beharrt darauf. Und das auch noch mitten in der Passions- oder Fastenzeit, in der Zeit, in der Christinnen und Christen an das Leiden von Jesus denken und mit ihm den Weg nach Jerusalem gehen. Bis ans Kreuz und bis in den Tod.
„Freu dich!“, sagt der Sonntag, und er erinnert mich damit an etwas: Die Passionszeit wird zu Ende gehen. Und zwar in nicht allzu ferner Zukunft. Mehr als die Hälfte des Weges sind wir schon gegangen. Draußen wird es Frühling. Am Morgen höre ich die Vögel singen, wenn ich aufstehe. Im Garten sind mehr und mehr Farbtupfer zu sehen. Der Tod ist nicht das Ende. Neues entsteht. Aus Dunkelheit wird Licht.
Das ist das Versprechen von Ostern. Das ist die Erinnerung, die ich brauchen kann in diesen Wochen, in denen ich mit Jesus in dieser Welt unterwegs bin. Ich hatte es fast vergessen, dieses Versprechen mit all der Lebenskraft, die darin liegt. Ich bin froh, dass mich jemand erinnert: „Freu dich!“ Mein Herz wagt schon einmal einen kleinen Sprung.
Dr. Antje Klein, Pfarrerin
Pfarramt Geislingen Altenstadt West
16.03.2025 Luft holen!
So lautet der Titel der evangelischen Fastenaktion „7 Wochen ohne“ 2025. Jedes Jahr gibt es dazu einen Kalender mit Bild und kurzem Impuls für jeden Tag von Aschermittwoch bis Ostern.
Er hängt an der Wand einer Schulfreundin, die mit doppeltem Bruch des Sprunggelenks grad ans Haus gefesselt ist. Sie braucht dieses geistliche „Luft holen“, sagte sie mir beim Besuch. Meine Tochter nahm den Kalender mit ins Büro, eine kurze Atempause für Menschen zwischen Bildschirmen und Schreibtisch. Auch für mich gehört er zu diesen Wochen. Nur einmal, in Corona-Zeiten, da war er ausverkauft.
„Luft holen“ – ein guter Titel. Dazu „Fenster auf“ als Motto für die erste Woche, samt Bibelwort „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in die Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen“ (Gen 2,7).
Manchmal fühlen wir Erdenschwere. Der Körper zwickt und zwackt. Belastungen und Sorgen nehmen die Luft zum Atmen. „Aus Erde gemacht“ sind wir, „Fleisch“ so sagt die Bibel. Wie wahr! Aber da ist auch das andere: Der Odem des Lebens durchströmt uns, von Gott hineingeblasen macht er uns zu lebendigen Wesen. Jeder Atemzug erinnert uns daran.
Tut er das? Meist nehmen wir es gar nicht wahr. Erst dann, wenn der Atem stockt oder uns die Luft ausgeht. Dabei könnte es so einfach sein. Einfach „Fenster auf“, frische Luft rein lassen, erst mal tief durchatmen, so wie die Krankenschwester, die morgens für die Patienten erst mal das Fenster aufmacht, damit der frische Sauerstoff die abgestandene Luft vertreibt. Und die Müdigkeit. Und einen Schuss Mut und Lebenskraft gibt, einen Hauch vom Odem Gottes.
Auch Jesus wusste um Atempausen. Immer wieder ging er „Luft holen“ in allem Trubel mit all den Menschen, die was von ihm wollten. Allein zog er sich zurück, war plötzlich verschwunden. An diesen Rückzugsorten betete er, war in Kontakt mit Gott.
Eine gute Idee, auch für uns. Also Luft holen und durchatmen. Unsere kleine Auszeit mit Gott. Und wenns nur ein tiefer Atemzug ist, der uns durchströmt und bewusst macht: „Ich bin Geschöpf Gottes“. Bei jedem Atemzug uns erinnern, dass Gott uns zu lebendigen Wesen gemacht hat, die leben, lieben, ihn loben. Fenster auf für Gott und atmen vom „Odem des Lebens“.
Pfarrerin Gabriele Krohmer
Referentin bei Dekan Zweigle
09.03.25 Fastenzeit – Tür zu einem Mehr an Haltung und Leben
„Aller guten Dinge sind drei“ – vielleicht kann dies auch für die begonnene Fastenzeit gelten; denn in der Fastenzeit geht es nicht um weniger, sondern um ein mehr an Leben. Die drei Wege, die u.a. das Matthäus-Evangelium nennt, sind: Gutes tun (Almosen geben), vermehrt Kontakt mit Gott suchen (beten) und sich selbst besser kennenlernen (fasten).
Dabei geht es auch um unsere eigene Haltung. Warum und was tue ich? Ist es Gewohnheit, Erwartung, Angst oder Überzeugung?
Manchmal könnten wir denken, dass unser Verhalten das Wichtigste sei. Doch tiefer liegt etwas, das unser Tun steuert: unsere Haltung. Manchmal stehen Verhalten und Haltung nicht im Einklang.
Notwendig erscheint mir, sich der eigenen Haltung bewusst zu werden. Dazu gehört das Beobachten des eigenen Verhaltens, aber auch das Hören auf die eigenen Gedanken und die Hinweise meines Umfelds. Ein hilfreicher Maßstab ist Jesus selbst. Er lebte eine Haltung der Liebe, der Demut und der Gerechtigkeit. Wo unterscheidet sich meine Haltung von seiner?
Wenn ich mir meiner Haltung bewusst bin, kann ein weiterer Schritt sein, Haltungen zu verändern. Spirituell würden wir eher von innerer Erneuerung sprechen. Die Bibel spricht im Hebräerbrief (4,12) von Gottes Wort als scharfes Schwert, das unser Innerstes durchdringt. Wer regelmäßig in der Schrift liest oder sie hört, kann feststellen, dass Gottes Geist die eigene Haltung formt.
Und dann geschieht Veränderung auch durch neue Erfahrungen. Manche Haltungen verändern sich erst, wenn Menschen sich auf neue Situationen einlassen. Jesus forderte seine Jünger immer wieder heraus: Sie sollten auf dem Wasser gehen, den Hungrigen dienen … (Lukas 19,1-10).
Veränderung geschieht auch durch Gebet und den Heiligen Geist. Christen glauben, dass eine tiefgreifende Erneuerung nicht allein durch Willenskraft verändert wird, sondern Gottes Wirken in uns notwendig ist.
Doch Haltungsveränderung ist nicht nur eine persönliche Angelegenheit. Unsere Gesellschaft und Arbeitswelt stehen vor großen Herausforderungen. Umso mehr brauchen wir Haltungen wie Vertrauen, Hoffnung und Verantwortung. Statt Härten gegenüber Schwächeren sind Mitgefühl und Barmherzigkeit gefragt. Eine Haltung der Ehrlichkeit, Zusammenarbeit und eine Haltung des Dienens sind wesentlich für eine bessere Zukunft.
Haltungen prägen die Welt zum Guten oder Schlechten.
Vielleicht spüren auch wir den Ruf zu einem Neuanfang, zu Veränderungen. Und dabei könnte ein Maßstab für einen wahren Aufbruch der Blick auf den Maßstab Gottes sein. Denn: Ein Aufbruch, der von Gott kommt, bringt Leben. Er führt zu mehr Gerechtigkeit, mehr Liebe, mehr Hoffnung.
Die 40 Tage der Fastenzeit geben Gelegenheit dazu.
Norbert Köngeter
Stadtdiakon und Betriebsseelsorger der Katholischen Kirche Göppingen
02.03.25 Ich bin doch nicht blöd?
„Ich bin doch nicht blöd...“ - mit diesem Werbespruch nervte uns eine Zeitlang ein großes Handelsunternehmen. Gemeint war: Ich bin doch nicht so blöd und laß mir ein Schnäppchen entgehen. Diese Haltung ist kennzeichnend für eine Ellenbogengesellschaft, die das Ego in den Mittelpunkt stellt. Hauptsache, ich komm gut durch! Man wäre ja blöd, wenn man nicht alles, was geht, für sich selbst herausholen würde! Die Redewendung begegnet uns auch sonst: Ich bin doch nicht blöd und putz den Dreck der anderen weg! - antwortet jemand auf die Frage, ob er bei der Cleanup-Gruppe mitmachen möchte. Ein Rentner sagt die wöchentliche Skatrunde ab, weil er jetzt einem afghanischem Flüchtlingsbuben Nachhilfe in Deutsch gibt. „Der isch schö blöd, wenn der für so ebbes sei Zeit opfert“ sagen andere über ihn.
Der Apostel Paulus schreibt in einem seiner Briefe: „Wir sind Narren um Christi willen“ (1. Kor. 4, 10). Er meint damit: Die Leute halten uns für verrückt, weil wir einen von der Staatsmacht am Kreuz Hingerichteten als Gottes Sohn verehren. Sie sagen, wir seien schön blöd, für unseren Glauben an diesen gekreuzigten Jesus Nachteile - ja Verfolgung! - in Kauf zu nehmen. Wie blöd muss man eigentlich sein, um zu behaupten, dieser Gekreuzigte sei auferstanden und mit seiner Kraft lebendig wirksam! Der hat doch keine Länder erobert und keine Paläste gebaut! Wie kann man nur?!! - Ja, der Paulus hat recht: An den Maßstäben der herrschenden Weltvernunft gemessen sind wir Christen tatsächlich „Narren“. Wir glauben gegen alle Vernunft und Welterfahrung, dass dieser schmählich gekreuzigte Jesus der Sieger ist, wahrer Mensch und wahrer Gott. Verrückt, wie?! Wir stellen uns mit ihm auf die Seite der Schwachen und Verlierer. Wir glauben unbeirrbar daran, dass die Liebe Jesu Christi die stärkste Kraft ist – stärker als alle Gewalt und
Menschenfeindlichkeit. Wir glauben, dass unser Heiland Jesus Christus aller Welt zeigt, dass seine Liebe für Menschheit und Welt die Rettung und Erlösung ist. Wir stehen an den Gräbern unserer Toten, haben vor Augen die Unerbittlichkeit des Todes und singen Lieder von Auferstehung und ewigem Leben. Das ist doch irgendwie irre, oder nicht? Ganz gegen alle Vernunft!
So sieht das also aus, das „Wir sind Narren um Christi willen“. Mitten in den widersprüchlichen Zuständen der Welt weisen wir auf eine andere Wirklichkeit hin, die sich in der Liebe Jesu Christi zeigt. Sie ist in allen lebendig, die sich gegen Hass und Menschenfeindlichkeit stemmen und für ein mitmenschliches Miteinander kämpfen. Sie sind sich nicht zu blöd, um Zeit und Kraft für andere zu opfern. Wie schön, dass es so viele „Verrückte“ gibt, die an den Sieg der Liebe Jesu Christi glauben – oft gegen alle Erfahrungen von Gewalt und Hass! Ja, wir sind so blöd und lassen uns von denen nicht beirren, die über uns lachen und sagen: Ihr Traumtänzer, Euer gutmenschliches Gerede von Nächstenliebe und Barmherzigkeit hält doch den Realitäten dieser Welt nicht stand! Doch, antworten wir, wir kennen die Realitäten sehr wohl. Unser Heiland Jesus Christus hat sie erlitten und überwunden. Der Glaube an ihn gibt uns Kraft und Hoffnung.
Walter Scheck,
Pfarrer i.R. Göppingen
23.02.25 Seid barmherzig – und werdet Prophetinnen und Propheten!
„Seid barmherzig!“ heißt es im Evangelium dieses Sonntags. Diese Aufforderung habe ich zuletzt äußerst eindrucksvoll von der US-amerikanischen Bischöfin Mariann Edgar Budde gehört. Wie die Propheten des Alten Testaments vor die Herrschenden traten und ihnen ins Gewissen redeten, so predigte sie anlässlich der Amtsübernahme Präsident Trumps vor ihm: "Ich bitte Sie um Erbarmen, Herr Präsident, mit denjenigen in unseren Gemeinden, deren Kinder Angst haben, dass ihnen ihre Eltern weggenommen werden." In der Fernsehübertragung schwenkte die Kamera dann auf die versteinerten Gesichter von Präsident, Vizepräsident und deren Ehefrauen. – Viele Menschen haben Bischöfin Budde für ihre Worte bewundert; das Video ihrer Predigt ging auf Sozialen Medien viral.
Zwei Dinge beeindrucken mich dabei: Zum einen, wie viel positive Resonanz Kirche, hier in Gestalt der Bischöfin, erfährt, wenn sie ihre Stimme ehrlich und mutig zugunsten derjenigen erhebt, deren Stimme sonst untergeht. Zum anderen, dass ein Gebot wie „seid barmherzig!“ eben nicht nur auf individuelles Verhalten zielt, sondern notwendig zu gesellschaftlichem Handeln führt.
Da setzt die Mission der Katholischen Erwachsenenbildung an: Auf der Basis christlicher Werte eine für alle Menschen offene Bildungsarbeit anzubieten, die auch in die Gesellschaft hineinwirkt – z.B. indem wir die Meinungsbildung in gesellschaftlichen Fragen unterstützen. Das unternimmt die keb Göppingen derzeit zusammen mit fünf Erwachsenenbildungen aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit der kostenlosen Online-Vortrags-Reihe „Einstehen für Demokratie!“.
Die Reihe begann am vergangenen Dienstag mit dem Vortrag der keb Göppingen: „Auf welcher Grundlage streiten wir? Debattenkultur in polarisierten Zeiten“. Ein Befund war, dass die neue Heftigkeit der Konflikte und die Vielfalt an Medien es zunehmend schwieriger macht, den demokratischen Streit gemeinsam auszutragen. Aber der Kampf gegen die Unterhöhlung der Demokratie darf trotzdem nicht vermieden werden. Er ist notwendiger Bestandteil und eine Voraussetzung von Demokratie.
Vielleicht können wir ab und zu Prophetinnen und Propheten sein wie Bischöfin Budde. Nicht nur privat, sondern öffentlich einstehen für unsere Werte. Zwei davon, Barmherzigkeit und Demokratie, kamen hier zur Sprache. Es gibt noch viel mehr, wofür es sich lohnt einzustehen.
Dr. Frank Suppanz,
stv. Leiter und Bildungsreferent der Kath. Erwachsenenbildung Kreis Göppingen e.V.
09.02.25 Ein bisschen mehr Tiefgang, bitte!
„Wer räumt die Gelben Säcke weg?“, fragte die Stuttgarter Zeitung am 24. Januar, und seither ist das Thema auch hier in der Lokalpresse immer wieder auf’s Neue präsent: Vor allem die Menschen im Landkreis Göppingen befüllen ihre Gelben Säcke falsch! Ist es Gedankenlosigkeit, Ignoranz, Protest gegen die Müllgebühren, schwäbische Wurstigkeit, finstere Absicht? Man weiß es nicht. Denn als jemand, der seinen Plastikmüll sorgfältig auf Tauglichkeit überprüft, bevor er ihn in den Gelben Sack wirft, denke ich mir, dass es eigentlich nicht so schwer sein kann, Erlaubtes von Unerlaubtem zu trennen. Und dass alte Autoreifen, ausgediente Matratzen oder abgenagte Schweinehälften nicht in den Gelben Sack gehören, sagt einem eigentlich der gesunde Menschenverstand. Trotzdem tun sich offenbar viele Zeitgenossen schwer damit, dies zu akzeptieren, und zeigen damit etwas auf, was in den Augen vieler Menschen gerade insgesamt in unserer Gesellschaft schiefläuft, nämlich, immer weniger von der Allgemeinheit her zu denken, und stattdessen nur noch die eigenen Interessen zum Maßstab des Handelns zu machen! Immer mehr Menschen fragen nur noch: Was kommt „first“? Natürlich ich selber!
Denn auch das ist ein Phänomen unserer Zeit: Vorteile werden individualisiert, Risiken und Nachteile vergemeinschaftet, d.h. ich selber möchte alle Vorteile aus dem Gemeinwesen ziehen, bin aber immer weniger bereit, etwas zu diesem Gemeinwesen beizutragen. Jeder Verein, jede Kita, jede Schule, die auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen ist, kann ein Lied davon singen!
Nun dürfen oder müssen wir in zwei Wochen ein neues Parlament wählen. Und ich befürchte, dass wir auch dabei einen Gelben-Sack-Moment erleben könnten, indem nämlich auch hier Menschen aus Verzweiflung, aus Ratlosigkeit oder aus Resignation „Protest“ wählen, völlig losgelöst von der Frage, ob die dann gewählte Partei etwas Konstruktives für die Zukunft unseres Landes und unserer Gesellschaft beizutragen hat oder nicht. Es ist wie beim Gelben Sack: Hauptsache, ich habe meiner eigenen Befindlichkeit Ausdruck verliehen! Wer hinterher den Dreck wegräumt, ist mir egal!
Am morgigen Sonntag hören wir in den katholischen Gottesdiensten einen Abschnitt aus dem Lukas-Evangelium, die Erzählung über den wunderbaren Fischfang, in dem Jesus zu seinen Jüngern sagt: „Fahrt hinaus, wo es tief ist, und werft dort Eure Netze zum Fang aus!“ (Lk 5,4) Wenn man in seinem Tun zu oberflächlich bleibt, stellt sich oft kein Erfolg ein, oder eben nur ein oberflächlicher. Manches braucht einfach „Tiefgang“, z.B. eine tiefergehende Beschäftigung mit der Frage, was eigentlich passiert, wenn alle ihren Gelben Sack falsch befüllen, oder wenn viele Menschen am 23. Februar Parteien wählen, die keine konstruktive Idee für unser Land haben.
Pfr. Stefan Pappelau
Pfarrer der Seelsorgeeinheit Göppingen
26.01.25 Vertrauen verloren – auf der Suche nach Halt!
Nicht nur in der internationalen, sondern auch in der nationalen Politik ist Verlässlichkeit eine selten gewordene Tugend.
Kann man glauben, was öffentlich gesagt wird? Von Politikern, „Influencern“, Unternehmern – in Diskussionsrunden oder Interviews? Tatsächlich fällt es schwer, den Aussagen zu vertrauen. Faktenchecker müssen alltägliche Beiträge in den sozialen Medien auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Manchmal ist die Unwahrheit ganz offensichtlich. Leider kann man auch öffentliche Institutionen davon nicht völlig ausnehmen. Vertrauensverlust ist zu einem allgemeinen Merkmal unserer Zeit geworden.
Trifft das nicht auch auf den Glauben zu? In Gesprächen über Religion fällt auf, dass viele Menschen sagen, Glaube und die daraus abgeleitete Ethik seien etwas rein Subjektives. Manche bezweifeln sogar, dass es überhaupt objektive Wahrheiten gibt.
Unter Glauben verstehe ich nicht nur den Glauben an Gott, sondern auch, wie sehr ich glaube, was andere Menschen sagen. Allgemein gesagt: Wie sehr kann man anderen Menschen trauen?
Ich denke, wir alle verfügen über Kriterien, um zu beurteilen, ob das, was jemand sagt, wahr ist – ob man ihm vertrauen und glauben kann.
Der Evangelist Lukas hat sich deshalb vorgenommen, den Erzählungen über Jesu Leben, Sterben und Auferstehung von Grund auf sorgfältig nachzugehen, damit sich sein Freund von der Zuverlässigkeit der Lehre, in der er unterwiesen wurde, überzeugen kann. Ebenso können auch wir uns von Lukas, von der Zuverlässigkeit der Lehre Jesu und der Vorbildhaftigkeit seines Lebens überzeugen lassen.
Sicherheit und Verlässlichkeit sind Grundbedürfnisse des Menschen. Wir brauchen stabile Verhältnisse, um ein gutes, erfülltes Leben zu führen. Unsicherheit und Misstrauen hingegen führen oft zu Rückzug oder Aggression.
Halt und Sicherheit, Zuversicht und Hoffnung finden wir, wenn wir – entgegen dem allgemeinen Vertrauensverlust – der zuverlässigen Botschaft von der Auferstehung Jesu und dem von ihm versprochenen Leben in Fülle vertrauen.
Josef Priel
Gemeindereferent, Deggingen / Bad Ditzenbach
12.01.25 Du bist mein geliebtes Kind
Wenn ich beim Familiengottesdienst an diesem Wochenende mit den Kindern über diesen Satz ins Gespräch komme, dann hoffe und wünsche ich mir, dass jede und jeder die Erfahrung kennt „geliebt zu sein“ und sich auch an Momente erinnern kann, in denen sie die Liebe der Eltern, von Geschwistern und Freund:innen spüren.
Wie spüre ich, dass ich geliebt bin? bzw. wie kann ich jemandem zeigen, dass ich ihn oder sie liebe? Vermutlich hat da jede:r ganz persönliche Erfahrungen, wie z.B. eine feste Umarmung am Abend, Zuhören, wenn einen etwas ärgert oder nervt, Trösten und Dasein, wenn jemand in Not ist, der fürsorglichen Blick der Eltern, die Frage „was kann ich Dir Gutes tun?“ oder die wirkliche „Wie geht’s Dir?“-Frage, …
Biblisch ist dieser Satz in der Erzählung von der Taufe Jesu verortet, von der uns in allen vier Evangelien berichtet wird. Mal länger oder kürzer geschildert, aber immer mit dieser einen Botschaft und Beschreibung: „Da öffnete sich der Himmel und eine Stimme sprach: ‚Du bist mein geliebter Sohn, an Dir habe ich Wohlgefallen gefunden!‘“ (Lk 3,22; Mt 3,17; Mk 1,11; Joh 1,34). Mit dieser Zusage Gottes wird die Gott-Sohn-Beziehung ins Wort gebracht und wird auch als Beginn des öffentlichen Wirkens verstanden.
Wenn heute Kinder oder auch Erwachsene getauft werden, dann wird jedem und jeder Getauften diese Zusage Gottes zugesprochen: „Du bist mein geliebtes Kind – meine geliebte Tochter – mein geliebter Sohn!“ Sichtbar und spürbar wird es in den Zeichen der Taufe, dass wir Kinder Gottes sind und dass wir Geliebte sind. Diese Liebe, die jeder und jedem zugesagt wird, ist völlig unabhängig von dem, was geleistet wurde. Ich muss mir die Liebe nicht erst verdienen oder erarbeiten. Nein, vielmehr anders herum: weil ich geliebtes Kind Gottes bin, kann ich im Namen und Geist Gottes wirken, handeln und lieben.
Da Gottes Zusage und Liebe nicht nur durch IHN, sondern in auch so vielfältiger menschlicher Weise spürbar, erlebbar und sichtbar wird, ist es wertvoll und ein wichtiger Schritt, dass seit Herbst 2023 in unserer Diözese Rottenburg-Stuttgart nun auch Frauen und Männer, die kein Weiheamt innehaben, das Sakrament der Taufe spenden dürfen. Teilhabe und Miteinander auf Augenhöhe kann eine Begründung sein, doch vielmehr die Nähe und Beziehungen zu den Menschen und die vielfältige Wirkweise Gottes durch jeden Menschen wird hier für mich sichtbar.
Gemeindereferentin Katharina Schweizer,
Seelsorgeeinheit Oberes Filstal
15.12.24 Warte mal kurz!
So rufen wir uns gerne zu. Aber es ist ein Widerspruch: Warten erlebe ich nie als kurz, sondern lang, für Kinder sogar langweilig… Im Wartehäuschen sitzen, in der Warteschlange stehen, das bedeutet, sich in Geduld zu üben. Als Menschen in Eile müssen wir dann alle ein unerbittliches Vorwärtsdrängen in uns aushalten.
Schön, wenn man weiß, worauf man wartet: Auf eine bestimmte Eintrittskarte und ein schönes Erlebnis, auf den Zug, der mich (wenn er denn kommt) mitnimmt zu einem weihnachtlichen Wiedersehen oder einfach nach Hause… Ich staune oft, welche Kultur des Wartens uns doch eigen ist: Wenn es im Filstal wieder Schienenersatzverkehr gibt, schimpft niemand, und die meisten helfen einander, die Abfahrtstelle des Busses zu finden – und bleiben dabei sogar freundlich. Und das, obwohl das lange Warten den Feierabend doch erst deutlich später beginnen lässt… Ein Wunder!
Im Lukasevangelium wartet auch jemand: Der alte Simeon wartet im Tempel sehnsüchtig auf den Retter – ein Leben lang. „Seine Augen würden ihn noch sehen“, so hatte er Gottes Stimme gehört. Als der neugeborene Jesus von seinen Eltern in den Tempel gebracht wird, nimmt ihn Simeon auf seine Arme und sagt: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden gehen. Denn meine Augen haben dein Heil gesehen.“ (Lukas 2,29 f.) In Klöstern wird dieser schöne Satz bis heute gesungen, bevor die Nacht beginnt, als letztes Gebet vor der Dunkelheit sozusagen – bevor wir unser Leben für eine ganze Weile aus den eigenen Händen geben…
Die Frage wird sein, worauf wir warten. Ob wir uns die Zeit gönnen, überhaupt zu spüren, worin unsere eigentliche Sehnsucht liegt, was der Zielpunkt unseres Lebens ist. „Warten ist eine gute Gelegenheit, Zeit mit sich selbst zu verbringen“, sagte ein kluger Mensch.
Ja, das stimmt, und der Schriftseller Arnold Stadler schreibt in seinem gleichnamigen Buch, „Sehnsucht“ sei: Hoffnung minus Erfahrung.
Da ist was Wahres dran. Warten zu können, bedeutet nämlich, der Sehnsucht Raum zu geben, sie zu spüren als etwas zunächst Unangenehmes, aber doch Schönes. Sehnsucht steht für das, was uns fehlt, und was wir doch nötig brauchen - und was uns bisweilen geschenkt wird, so dass wir trotz allem „in Frieden gehen“ und weiterleben können.
Joachim Klein
Pfarrer in Donzdorf
08.12.24 Bleibt wach
„Bleibt wach!“ Passt auf, verschlaft nichts! So ruft uns die Adventszeit zu! Nicht weil ein interessanter Film im Fernsehen läuft oder ein Sportereignis mitten in der Nacht übertragen wird – sondern weil Jesus Christus zu uns kommen will.
So wie Konrad, der sehr früh aufgestanden ist, weil Gott zu ihm kommen wollte: An diesem Morgen hatte der Schuster schon früh seine Werkstatt aufgeräumt, den Ofen angezündet und den Tisch gedeckt. Heute wollte er nicht arbeiten. Heute erwartete er einen Gast. Den höchsten, den ihr euch nur denken könnt: Gott selber. Denn Gott hatte ihn im Traum wissen lassen: Morgen werde ich zu dir zu Gast kommen. Nun saß er also in der Stube und wartete voller Vorfreude. Da hörte er draußen Schritte.
„Da ist er“, dachte Konrad und riss die Tür auf. Aber es der Briefträger, der ganz verfrorene Finger hatte. Konrad ließ ihn herein, bewirtete ihn mit einer Tasse Tee und ließ ihn sich aufwärmen. „Danke“, sagte der Briefträger, „das hat gut getan.“ Dann setzte Konrad sich wieder ans Fenster, um seinem Gast entgegenzusehen. Er würde sicher bald kommen.
Es wurde Mittag, aber von Gott war nichts zu sehen. Plötzlich erblickte er einen Jungen, der weinte. Er erfuhr, dass er seine Mutter im Gedränge verloren hatte und nun nicht mehr nach Hause finden konnte. So brachte er ihn heim. Er kam erst zurück, als es schon dunkelte. Enttäuscht legte sich Konrad schlafen. Gott war nicht gekommen!
Plötzlich hörte er Gottes Stimme: „Danke, dass ich mich bei dir aufwärmen durfte – danke, dass du mir den Weg nach Hause zeigtest – danke für deinen Trost und deine Hilfe – danke, dass ich heute dein Gast sein durfte.“
Wachsam sein – was kann das in meinem Leben bedeuten?
- Eingefahrene Gewohnheiten und Verhaltensweisen heißt es zu überdenken; sie können verletzen oder krank machen.
- Sehe ich, wo ich anderen zur Last falle oder wo ich die Last anderer mittragen kann?
- Wo bin ich bequem geworden?
- Wachsam muss ich sein gegenüber dem eigenen Älterwerden! Kann ich das Nachlassen meiner Kräfte vertragen? Sorge ich vor für das Alter?
- Wachsam gilt es zu sein gegenüber dem Mitschwimmen im Strom vielfältiger Meinungen.
- Wachsam zu sein gilt es, denn jede Stunde kann unsere letzte sein. Was heißt dies für unsere Lebensgestaltung?
Die Adventszeit kann uns neu anregen, unser Leben zu überdenken und es auf Gott und damit auch auf unsere Mitmenschen einzustellen. Sie will uns wach halten für die kleinen, leisen Begegnungen mit Gott in unserem Alltag!
Siegfried Seehofer,
Pfarrer i. R.
01.12.24 Siehe, Dein König kommt
Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. (Sacharja 9,9b) Dieser uralte Ruf eröffnet die Adventszeit. Siehe, dein König kommt!
Muss das sein? Noch ein König? Noch einer, der sich für etwas Besonderes hält? Noch einer, der meint andere beherrschen zu müssen?
Was wir doch viel dringender bräuchten, sind Pflegekräfte, Entwicklungshelfer, wirklich kluge Köpfe, Brückenbauerinnen, Friedensstifter…
Siehe, dein König kommt. Danke nein. Ich schüttle den Kopf.
Aber dann höre ich den zweiten Teil dieses Rufs. …ein Gerechter und ein Helfer. Ja, das bräuchten wir dann doch. Einen Gerechten. Einen, der die Schere zwischen Arm und Reich langsam, aber sicher wieder zuklappt. Und einen Helfer. Einen an der Seite der Einsamen oder der Kranken. Einen, der den Zusammenhalt stärkt, Vorurteile abbaut, Wärme und Herzlichkeit einbringt. Ja, mit so einem könnte sich wirklich etwas verändern in unserer Welt.
Gerechtigkeit, Hilfe, Heil, Trost, Wärme. Da wird mir ganz weihnachtlich ums Herz. So, als hörte man von Weitem schon die festlichen Trompeten aus Bachs Weihnachtsoratorium: Jauchzet, frohlocket… Siehe, dein König kommt, ein Gerechter und ein Helfer. Eine schöne Botschaft.
Aber auch alle Jahre wieder dieselbe Botschaft. Und unsere Welt ist trotzdem so, wie sie ist. So recht wollen Bachs Trompeten noch nicht passen zu meinem Advent. Also schiebe ich den alten Ruf beiseite.
Doch da fällt mir ein Wort ins Auge. Siehe, DEIN König kommt. Dein. Das ist nicht allumfassend, triumphal, mit lautem Getöse. Dein. Das ist persönlich. Behutsam. Sanft. Dein. Das ist kein grelles Licht, das die ganze Welt auf einmal hell macht. Dein. Das ist die erste Kerze auf meinem Adventskranz, deren flackernde Flamme doch den ganzen Raum erfüllt mit ihrem Schein.
DEIN König kommt. Das ist Advent. Behutsam fängt etwas an. Etwas, das groß werden kann. Und persönlich fängt es an. Ein Gerechter und ein Helfer kommt ZU DIR.
Nichts gegen Bachs Trompeten. Ich mag sie wirklich sehr. Aber jetzt darf erst einmal dieser uralte Ruf klingen und nachhallen. Bei mir. Und bei dir.
Pfarrerin Miriam Springhoff,
Evang. Kirchengemeinde Dürnau-Gammelshausen
24.11.24 Christkönig – Ein König, der dient
Am 24. November wird der Christkönigssonntag gefeiert, der letzte Sonntag des Kirchenjahres. Der Tag, an dem wir Christus als König feiern, erscheint auf den ersten Blick voller Pracht und Herrlichkeit, doch das Königtum Christi unterscheidet sich radikal von den weltlichen Vorstellungen von Macht.
„Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste und der Führende wie der Dienende.“ (Lk 22,25-26). Jesus stellt die Machtverhältnisse auf den Kopf. Sein Königtum basiert nicht auf Unterdrückung, sondern auf dem Dienst an den anderen, auf Demut und Gewaltlosigkeit. Diese Botschaft ist in einer Zeit, in der politisches Machtspiel und militärische Konflikte die Welt prägen, von unverminderter Aktualität.
Gewalt zerstört Beziehungen, Strukturen und Leben. Gewaltlosigkeit baut Brücken und fördert Gemeinschaft. In aktuellen Konflikten, wie dem Krieg in der Ukraine oder den Spannungen im Nahen Osten, wird das Versagen von Diplomatie und Dialog nur allzu gut sichtbar. Doch die Geschichte zeigt, dass wahre Veränderung nicht durch Gewalt, sondern durch friedliche Konfliktlösung möglich ist. Gewaltlosigkeit ist der Weg, um den Teufelskreis von Rache und Gegengewalt zu durchbrechen.
Das Königtum Jesu zeigt sich besonders am Kreuz, wo er durch Hingabe und Liebe bis zum Tod regiert. Hier wird Gottes Wesen sichtbar: bedingungslose Liebe, die sich für andere hingibt. Diese Form der Herrschaft fordert dazu auf, auch unsere „Krone“ abzulegen und uns den Schwachen und Verfolgten zuzuwenden. Besonders in der heutigen Zeit bedeutet dies, den Geflüchteten, die vor Krieg, Verfolgung und Armut fliehen, mit Offenheit und Mitgefühl zu begegnen – unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion. So sollen wir den Weg des Dienens gehen, um Gottes Liebe in der Welt sichtbar zu machen, eine Liebe, die keine Unterschiede macht und alle Menschen umfasst.
Der Christkönigssonntag lädt dazu ein, Christus nicht nur als den König des Universums zu sehen, sondern auch als den König des eigenen Herzens. Wer ihn als solchen anerkennt, folgt seinem Vorbild – in der Gewaltlosigkeit und der bedingungslosen Liebe.
Möge die bevorstehende Adventszeit Raum für diese Friedensbotschaft im eigenen Leben geben und die Hoffnung auf eine friedliche Beendigung der aktuellen Konflikte in der Welt stärken. Ihnen allen ein gesegnetes Christkönigsfest!
Diakon Eckhard Schöffel,
Seelsorgeeinheit Unterm Staufen
10.11.24 To everything there is a reson
So heißt es in einem Lied von Bob Seeger, das vor allem durch die Band The Byrds in den 1960er Jahren bekannt wurde und noch heute oft im Radio gespielt wird. Erst kürzlich habe ich es wieder gehört.
Alles hat seine Zeit: Besonders deutlich wird mir dies im Wandel der Jahreszeiten. Der Sommer ist vorbei, der Herbst mit seinen manchmal trüben Tagen ist da und Sonnenstunden sind eher rar in dieser Zeit. Wenn es draußen im November neblig oder regnerisch ist, kann man es sich zu Hause gemütlich machen, sich die Zeit nehmen, auch mal Inne zu halten und es der Natur gleich zu tun, die jetzt zur Ruhe kommt.
Aber auch nach draußen zu gehen in die Natur, die Bäume zu sehen mit ihren bunten Blättern und dem Farbenspiel in dieser Jahreszeit, ja auch das Welken der Blätter zu sehen und wie die Jahreszeit die Natur verändert, das macht deutlich:
Es gibt für alles eine bestimmte Zeit.
In der Bibel lesen wir: „Alles hat seine Zeit.“ (Kohelet, Kapitel 3). Und wenn ich in die Natur schaue mit ihren unterschiedlichen Jahreszeiten, dann wird dies besonders deutlich und erfahrbar.
Für alles gibt es eine bestimmte Stunde. Und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit:
Eine Zeit für die Geburt und eine Zeit für das Sterben.
Eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen des Gepflanzten.
Eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen.
Eine Zeit zum Klagen und eine Zeit zum Tanzen.
Die Natur zeigt mir besonders den Wandel. und die Veränderung. Die Zeit geht eben nicht im Sommer wie im Winter gleichmütig weiter.
Das Vertrauen in Gottes Schöpfung und das Wissen um die Wiederkehr der Jahreszeiten, dass nach Herbst und Winter wieder Frühling und Sommer folgt ist tröstlich.
Im Buch des Predigers (Kohelet) können wir es auch so lesen, dass Gelassenheit auch jenseits der irdischen Erfahrungen wichtig ist und wir darüber hinaus auf Gott vertrauen können, denn alles hat seine Zeit.
Dietrich Bonhoeffer drückt es so aus:
Alles Irdische ist nur etwas Vorläufiges und es ist gut, sein Herz an die Ewigkeit zu
gewöhnen. … Dies alles hat seine Zeit und die Hauptsache ist,
dass man mit Gott Schritt hält und ihm nicht immer schon
einige Schritte vorauseilt, allerdings auch keinen Schritt hinter
ihm zurückbleibt. Es ist Übermut, alles auf einmal haben zu
wollen. Alles hat seine Stunde: weinen und lachen… herzen und ferne sein von herzen…zerreißen und zunähen…
Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Sonntag und schöne Herbsttage.
Gerhard Betz
Psychologische Familien und Lebensberatung, Caritas Fils-Neckar-Alb
27.10.24 Sonntag der Weltmission
Im Monat Oktober begeht die katholische Kirche traditionell den Sonntag der Weltmission. Die Beispielländer des diesjährigen Sonntags der Weltmission sind die pazifischen Inselstaaten Papua-Neuguinea, Vanuatu und die Salomonen. Die Menschen, die dort leben, bekommen bereits jetzt deutlich die Folgen des Klimawandels zu spüren: der steigende Meeresspiegel, überspülte Küstenstreifen, verheerende Wirbelstürme. Zeichen des nicht zu leugnenden Klimawandels. Christliche Solidarität „schreit“ nach gemeinsamen Handeln zur christlichen Solidarität weltweit.
Das Evangelium vom Sonntag erzählt von der Heilung des Blinden Bartimäus. Dieser hört, dass Jesus vorübergeht und schreit laut seine Not heraus. Noch sehr undefiniert, wenig konkret. „Hab Erbarmen mit mir!“ Jesus nimmt diesen Hilfeschrei wahr und sehr ernst. Er lässt ihn zu sich kommen, und erkundigt sich konkret nach seiner Not. Worum geht es? „Was soll ich dir tun?“ Der Wunsch nach Hilfe ist ganz konkret: „Rabbuni, ich möchte sehen können“. Manchmal können solche "Schreie" auch ganz still sein: ist das Wegbleiben so vieler junger Menschen und junger Familien in unseren Gottesdiensten und Gemeinden nicht vielleicht auch ein (stummer) Schrei? Das Evangelium lädt uns ein hinzuhören! Das Verhalten der Menschen nicht sofort als ärgerlich abzutun, sondern aufmerksam dafür zu sein, ob sich dahinter nicht eine Not verbirgt. Im Text der frohen Botschaft wird dem Blinden Mut gemacht: "Hab Mut, steh auf, er ruft dich!" Einen solchen Mut brauche ich natürlich auch, wenn ich mit dem nervenden Arbeitskollegen ernsthaft in ein Gespräch kommen möchte. Die Wohnungsklingel der Witwe in der Nachbarschaft drücke, um zu fragen wie es ihr wirklich geht. Ist der Kollege am Arbeitsplatz wirklich nur mürrisch und ein unangenehmer Zeitgenosse oder ist dieses Verhalten vielleicht ein Schrei einer Not? Was ist mit der Nachbarin, die nach vielen Ehejahren ihren Mann verloren hat und die man in letzter Zeit kaum noch auf der Straße sieht? Muss sie „nur“ über ihren Schmerz hinwegkommen oder ist dieser Rückzug eher ein Schrei der Einsamkeit und Verzweiflung? Ich lerne daraus: ich werde geschickt und gesendet, um die Not der Menschen zu hören. Dieser Schrei ist oftmals sehr unkonkret. Und kann sich ganz unterschiedlich äußern.
Zeigen wir unsere Solidarität nicht nur im Glauben, sondern auch durch ganz konkrete Hilfen und am Klimaschutz orientiertes Verhalten.
Diakon Uwe Bähr,
Bruder Klaus Jebenhausen
20.10.24 Jesus nimmt frei
In unserem Evangelischen Kindergarten musste im Garten ein Teil der Spielgeräte erneuert werden. So manches Holz war morsch und in die Jahre gekommen. Es ist irgendwie befreiend, so viele fröhliche Kinder zu beobachten, die dort wieder toben, spielen und lachen können. Ein schönes Bild!
Zugegeben: Ein bisschen neidisch bin ich schon – in diesen Momenten wäre ich auch gerne wieder Kind. Ganz zweckfrei zu spielen ohne äußere Erwartungen, ganz zu schweigen von den eigenen Erwartungen an mich selbst. Spielen tut gut. Nicht nur Kindern. Auch Erwachsenen. Spielen tut gut, weil wir für diesen Moment den Alltag vergessen können und einfach im Spiel sind: sei es nun beim Sport, beim Kartenspielen, oder bei was auch immer.
In einem wunderbaren Bilderbuch mit dem Titel „Jesus nimmt frei“ von Nicholas Allan wird erzählt, dass Jesus an einem Tag von all seinem Gutes-Tun völlig erschöpft aufwachte. Mit den Wundern klappt es nicht mehr so recht; deshalb geht er zum Arzt. Der Arzt verordnet ihm einen freien Tag, an dem er machen soll, was ihm Freude macht. Das lässt sich Jesus nicht 2x sagen. Er übt Rad schlagen in der Wüste und picknickt unter einer Palme. Er badet im See und macht einen langen Ausritt auf einem Esel. Als es Abend geworden war, wird Jesus traurig und hat ein schlechtes Gewissen, weil er denkt, dass er an dem Tag niemandem geholfen hat. Im Gebet sagt er das seinem Vater. Und Gott? Gott zeigt ihm noch einmal die Orte, wo Jesus den Tag über gewesen ist. Beim Rad schlagen in der Wüste sind Wasserquellen entsprungen, wo er gepicknickt hatte, tragen die Bäume herrliche Früchte. Während er schwamm, hatten die Fischer einen großen Fang und alle, denen Jesus auf dem Esel begegneten, wurde es ganz warm ums Herz. Schließlich sagt Gott: „Du siehst, nur wenn du selbst froh bist, kannst du auch andere froh machen“.
Wir brauchen diese Momente und Zeiten, wo wir alles um uns vergessen dürfen – ganz vertieft in eine Sache, die uns guttut.
Die Kinder in unserem Kindergarten können uns Vorbild sein. Zweckfrei und im Moment leben, einfach sein.
Die Zusage von Gott im Bilderbuch „Jesus nimmt frei“ kann uns vielleicht helfen, wenn wir den Eindruck haben, völlig erschöpft zu sein. „Nur wenn du selbst froh bist, kannst du auch andere froh machen“.
Pfarrer Matthias D. Ebinger
13.10.24 Glückskekse
Schüler und SchülerInnen kennen das, Berufspendler im öffentlichen Nahverkehr sowieso. In Bus und Bahn sitzend, ist man froh, wenn die Pünktlichkeit eingehalten wird und man ohne Ausfälle von A nach B kommt. Dort sitzen oder stehen dann einem meist völlig fremde Menschen gegenüber und in den allermeisten Fällen ist jeder in seine eigenen Gedanken vertieft oder starrt auf sein Mobiltelefon. Nicht, dass ich gerne mit jedem ein Gespräch begonnen hätte, oder mich unterhalten würde, aber die meist mürrischen Gesichter machen mich ratlos. Ein schönes Sprichwort sagt: „Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln.“
Werde ich dann schon als naiv oder einfältig abgestempelt, wenn ich mir erlaube ein freundliches Gesicht zu machen? Oder laufe ich Gefahr, missverstanden zu werden und mein Gegenüber reizt meine Freundlichkeit es als Angebot oder Aufforderung zu verstehen? Dann wäre mein Ansinnen freundlich zu sein, in völlig falsche Bahnen geraten. Mache ich mich vielleicht lächerlich, wenn ich grüße? Grüß Gott, ist für mich nicht nur eine Floskel. Grüße mir und Dir Gott, bedeutet für mich auch, Sei Gott befohlen oder Geh mit Gott. Niemand sollte sich provoziert fühlen, wenn wir uns freundlich begegnen und schon gar nicht, wenn wir uns freuen. Wir dürfen unsere Freude zeigen, und wie Eduard Mörike schon sagte: „Man muss immer etwas haben, worauf man sich freut.“.
Vielleich würde es helfen, Glückskekse zu verteilen, die meisten Zitate und Sprüche lassen die Menschen lächeln oder zumindest für einen kurzen Augenblick die Seele berühren. „Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den Menschen hineinhuschen kann. (Christian Morgenstern). Das Lächeln signalisiert, mein Gegenüber nimmt mich wahr, ist vielleicht mitfühlend und fürsorglich. Denn oft ist es ja auch so, dass Menschen in Bus oder Bahn einen sorgenvollen Tag oder weiten Weg vor sich haben, und dann tut so ein kurzes Lächeln bestimmt gut. Lächeln ist freundlich, immer. Für einen strengen Gesichtsausdruck müssen viel mehr Gesichtsmuskeln aktiviert werden, als für ein gewinnendes Lächeln.
Möglich, dass die freundliche Begegnung einen dann nicht mehr loslässt, einen berührt und vielleicht sogar dankbar werden lässt. Dankbarkeit, auch so ein Empfinden, das uns glücklich machen kann. Die Dankbarkeit lässt sich auch ausdrücken in den Bibelworten mit dem Psalm 103:
“Lobe Gott, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Ständiges Streben nach Glück überfordert das Leben leicht, doch augenblickliche glückliche Momente bereichern das Leben ungemein, geben Zufriedenheit und ein Gefühl von Ruhe und Frieden.
Sabine Waldinger-Röhrle
Dekanatsbeauftragte Kirche und Schule
22.09.24 Visit Germany
„Visit Germany“, war auf dem Werbeplakat einer skandinavischen Rederei zu lesen. Darunter waren vier Highlights aufgeführt, die einen Besuch in Deutschland lohnen:
1. die deutsche Autobahn,
2. romantische Schlösser,
3. deutscher Wein,
4. deutsche Wurst.
Ich kam mit finnischen Freunden ins Gespräch darüber, was sie denn mit Deutschland verbinden: Die Freiheit auf deutschen Autobahnen sei reizvoll, die Schlösser pittoresk und die Wurstauswahl gigantisch. „Aber was wir vor allem an euch bewundern, ist euren Umgang mit der Geschichte.“ Ich war überrascht, denn hierzulande mehren sich ja die Stimmen, die fordern, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Wenn man miterlebt, wie die Nachbarländer ihren Nationalfeiertag feiern, mit stolzgeschwellter Brust und patriotischen Reden, wird man als Deutscher schon etwas kleinlaut. Aber hat nicht gerade unsere Erinnerungskultur viel Positives gezeitigt? Unsere Demokratie ist belastbar, unser Land menschlich und offen. Deutschland wird weltweit geachtet und respektiert, und das trotz des Unheils, das Deutschland vor 85 Jahren über die Welt gebracht hat. Der Schlussstrich, den viele fordern: er ist längst gezogen: Nicht wir, unsere Nachbarvölker haben ihn gezogen, als sie unsere Vorfahren kurz nach dem Krieg erneut in die Gemeinschaft der europäischen Völker aufnahmen und am Ende gar die deutsche Einheit ermöglichten. Im Buch der Sprüche (28,13) heißt es: „Wer seine Missetat bekennt, der wird Barmherzigkeit erlangen“. Zu unserer Erinnerungskultur gehört eben nicht nur das eigene Versagen, sondern auch ganz viel unverdiente Gnade! Ich glaube daran sollten wir unbedingt festhalten – und die richtigen Schlüsse für die Gegenwart daraus ziehen. Dann wäre uns nicht nur weiterhin die Anerkennung unserer Freunde im Ausland gewiss. Auf ein Deutschland, das sich in den gegenwärtigen Krisen ebenso großherzig zeigt, wie einst andere ihm gegenüber, dürften wir auch selbst zu Recht stolz sein.
Pfarrer Johannes Wahl
Ev. Kirchengemeinde Faurndau-Wangen-Oberwälden
15.09.24 Alte und neue Gewissheiten
Wir Menschen wollen Gewissheit! Damit wir Dinge, die um uns herum geschehen, richtig beurteilen und daraus die passenden Schlussfolgerungen ziehen können. Die Angehörigen der israelischen Geiseln wollen Gewissheit, dass ihre Liebsten noch am Leben sind. Wer einen Knoten unter der Haut spürt, will die Gewissheit, dass es nichts Ernstes ist. Wer tausende Euro für einen Urlaub ausgibt, will die Gewissheit, dass das gebuchte Traum-Ferienhaus auch wirklich existiert und er keinem Betrug aufsitzt.
Und gleichzeitig schwinden viele Gewissheiten, die unserem Leben bislang Struktur gegeben haben. Spätestens seit Donald Trump spüren wir, dass Dinge, die bis dahin als „normal“ galten, es längst nicht mehr sind. Zum Beispiel, dass politische Entscheidungen zum Wohl der Allgemeinheit getroffen werden und nicht aus ideologischen Prinzipien oder zum persönlichen Vorteil. Es ist seit dem Klimawandel längst nicht mehr gewiss, dass im Sommer die Sonne scheint und es im Winter schneit. Oder dass es in Europa keinen Krieg mehr geben wird, oder keine totalitären Regierungen – was ist schon noch gewiss? Wer glaubt noch ernsthaft an die Zuverlässigkeit der Deutschen Bahn oder daran, dass „Made in Germany“ die Welt in Staunen versetzt? So viel ist gewiss!
Vielen Menschen macht das Angst und sie blicken sorgenvoll in die Zukunft.
Am 14. September feiern die Christen ein Fest, das ebenfalls für Gewissheit sorgen wollte: das Fest „Kreuzerhöhung“. Als das Christentum im Römischen Reich Anfang des vierten Jahrhunderts zur Staatsreligion wurde, setzte ein regelrechter „Run“ auf die Heiligen Stätten in Jerusalem ein. Nach der Überlieferung sollen dabei auch Anfang Mai des Jahres 325 die Überreste des Kreuzes Christi gefunden worden sein, welche am 14. September desselben Jahres zum ersten Mal der staunenden Menge gezeigt wurden. Wie, um den Menschen die Gewissheit zu geben: Seht her, es ist wirklich geschehen, hier ist der Beweis!
So einfach ist es leider nicht mehr. Wenn schon der Glaube an irdische Gewissheiten schwindet, dann der Glaube an überirdische Dinge umso mehr! Die Gewissheit, dass es nach dem Tod weitergeht, teilen viele unserer Zeitgenossen schon längst nicht mehr, genauso wie den Glauben an einen dreifaltigen Gott oder die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi.
Was mich beschäftigt, ist die Frage, was denn wohl eines Tages an die Stelle der alten Gewissheiten treten wird? Werden die neuen Ideologien besser sein, werden uns rein wissenschaftliche Erkenntnisse die notwendige Orientierung geben? Wem oder was werden wir in ethischen Fragen verpflichtet sein?
Einfach werden diese Fragen nicht zu beantworten sein – so viel ist gewiss!
Stefan Pappelau,
Pfarrer der kath. Gesamtkirchengemeinde Göppingen
































































